| Kapitel
3 Die Jagd beginnt Unauffällig verließ der graue Mann das Zirkuszelt. "Hinterher", flüsterte Sascha. "Wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren." "Willst du ihm etwa nachspionieren?", erschrak Oliver. "Wenn er etwas merkt, wird er bestimmt wütend. Das hast du doch selbst gesagt." "Wer redet denn von Spionieren?", beschwichtigte Sascha. "Wir schleichen ihm hinterher, sehen, wo er wohnt, und versuchen rauszufinden, was für Pläne er ausheckt. Wer kann da behaupten, wir spionierten!" "Ich", erwiderte Oliver beharrlich. "Wieso?", wunderte sich Sascha. "Weil's eben Spionieren ist, deshalb!", Oliver blieb stur. "Na schön", versuchte Sascha seinen ängstlichen Freund umzustimmen. "Angenommen, wir vertreten uns draußen ein wenig die Füße. Weiter angenommen, unser kleiner Spaziergang führt den gleichen Weg entlang, den der graue Mann vor uns genommen hat. Wäre das vielleicht Nachspionieren?" "Klar, wenn du absichtlich hinter dem grauen Mann herspazierst, ist's Spionieren", beharrte Oliver auf seiner Meinung. Sascha gab auf. Auf diese Weise konnte er noch stundenlang mit Oliver diskutieren, während der Mann in aller Seelenruhe verschwand. In Wahrheit hatte Oliver bloß eine Heidenangst davor, dem Unbekannten draußen in der Dunkelheit zu begegnen. Wer konnte ihm das verübeln? "Na schön", seufzte Sascha. "Dann bleibst du hier, während Britta und ich den Mann verfolgen." Allein zurückbleiben? Das schmeckte Oliver nun auch wieder nicht. "Wartet, ich komme mit!", rief er den beiden hinterher. "Aber ich dachte, du findest Nachspionieren nicht richtig", wunderte sich Sascha. "Ich habe nur gesagt, dass das, was du machst, 'Spionieren' ist", antwortete Oliver mit entwaffnender Logik. "Ob das richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. Ich meinte nur, wir müssen vorsichtig sein, weil der graue Mann es bestimmt nicht mag, dass man ihm nachspioniert". Sascha zuckte mit den Schultern. Lautlos schlichen die drei Gefährten der unheimlichen Gestalt hinterher. Der Wind wehte einen fauligen Geruch aus ihrer Richtung herüber. Einen Augenblick lang verschlug es ihnen den Atem. Zum Glück verschwand der graue Mann zwischen den Wohnwagen, und die Luft wurde wieder klar. "Sollten wir nicht doch lieber die Polizei anrufen?", Oliver wurde immer mulmiger zumute. "Und was willst du denen sagen?", grinste Sascha. "Vielleicht: 'Dieser Mann verhext den Zirkus. Verhaften Sie ihn!' Selbst wenn du deine Behauptung beweisen könntest, gibt es kein Gesetz, gegen das der graue Mann verstoßen hat." "Die Polizisten würden dich nur auslachen", ergänzte Britta. Vorsichtig lugte Sascha um die Ecke des Wohnwagens. "Der Mann ist weg", sagte er. "Wie vom Erdboden verschluckt." "Was sollen wir jetzt machen?", fragte Oliver leise. "Entweder wir suchen ihn auf dem Zirkusgelände, oder wir gehen nach Hause", brachte es Britta auf den Punkt. "Da gibt's nur eins", ergriff Sascha mit kühler Gelassenheit die Initiative. "Wir müssen uns trennen. Jeder sucht in einer anderen Richtung. Das verdreifacht unsere Chancen, den Typen zu finden." Oliver verschlug es die Sprache. Er war gewiss kein Feigling. Aber für ihn gab es mit Sicherheit angenehmere Beschäftigungen, als durch die Dunkelheit zu tapern und einen bösen Zauberer zu suchen. Inständig hoffte er, Sascha würde einen Rückzieher machen und die Suche abbrechen. Andererseits wünschte er sich, dass ihre Suche erfolgreich verlief und als Preis ein spannendes Abenteuer winkte. Oliver überlegte nicht lange. "Abgemacht," sagte er. "Und was macht derjenige, der ihn findet?", fragte Britta, die immer erst nachdachte und dann handelte. "Ihn festnehmen, oder was hast du dir vorgestellt?" "Bloß nicht", widersprach Sascha. "Wer ihn findet, beschattet ihn. Wir treffen uns in genau einer Stunde wieder an dieser Stelle." Britta nickte zustimmend und huschte in die erstbeste Richtung los. "Seid vorsichtig und lasst euch nicht erwischen", raunte Sascha seinen Freunden zu, bevor er in die entgegengesetzte Richtung lief. Unschlüssig blieb Oliver alleine zurück. Zwischen den Wohnwagen war es stockfinster. Er blickte angestrengt in die Dunkelheit und lauschte auf jedes Geräusch. Ab und an knackten ein paar Zweige unter seinen Schuhen. Aus der Ferne hörte er das Brüllen eines Zirkustieres. Ansonsten herrschte auf dem Platz gespenstische Ruhe. Dem feuchten Gras entstiegen feine Nebelfäden, die wie Spinnweben in der Luft hingen. Der Dunst kroch an den Wänden der Wohnwagen empor, neigte sich darüber und hüllte sie in einen weißen Kokon. Plötzlich vernahm Oliver zwei Geräusche, die sich deutlich von den bisherigen unterschieden. Eins war laut, das andere war leise. Bei dem lauten Geräusch handelte es sich um Stimmengewirr, das der Wind herübertrug. Offensichtlich verließen die Zuschauer gerade das Zirkuszelt. Das leise Geräusch klang wie rasselnder Atem. Es war so beunruhigend, dass Oliver stehen blieb und instinktiv in die Hocke ging. Das war auch gut so, denn sonst wäre er dem grauen Mann direkt in die Arme gelaufen. Knapp einen halben Meter vor Oliver trat dieser aus einem Seitenweg zwischen den Wohnwagen heraus. Hätte er nach unten geschaut, hätte er Oliver im Gras kauern sehen. Aber der Mann blickte geradeaus und entfernte sich von ihm. Erst als der Unbekannte um die Ecke des nächsten Wohnwagens gebogen war, kroch Oliver weiter. BUM-BUM-BUM pochte sein Herz wie ein Schmiedehammer. Olivers Mut sank auf den absoluten Nullpunkt. Seine Beine zitterten so heftig, dass er kaum noch gehen konnte. So schnell es ging, eilte er zu Tante Marthas Wohnwagen. Dort verkroch er sich unter seinem Bett und betete, es möge bald Tag werden. Am anderen Ende des Zirkusplatzes blieb Britta stehen. Vor ihr begann der Stadtpark. Urplötzlich ragten zwischen Nebelfetzen die Umrisse des grauen Mannes auf. Sie verschmolzen fast vollständig mit dem blauschwarzen Nachthimmel. Britta duckte sich in den Schatten eines Wohnwagens und wartete darauf, dass der graue Mann weiterging. Das tat er aber nicht. Er blieb stehen. Um ihn herum löste sich der Nebel auf. Und mit dem Nebel löste sich auch seine Gestalt auf. Wäre der Anblick nicht so unwirklich gewesen, Britta wäre schreiend weggerannt. So aber liefen ihr nur Schauder über den Rücken. Kurz bevor sich die letzten Konturen des Unbekannten in Luft aufgelöst hatten, wandte er Britta sein Gesicht zu. Deutlich sah das Mädchen ein graues Licht in seinen Augen lodern. Britta war wie gebannt davon. Eine unheimliche Schläfrigkeit erfasste das Mädchen. Benommen torkelte sie hinter dem Wohnwagen hervor und schleppte sich mühselig zwei, drei Schritte weiter. Dann sackte Britta auf die Knie, überwältigt von Müdigkeit. Sie streckte ihre bleischweren Glieder im Gras aus. Schemenhaft nahm Britta noch wahr, wie der graue Mann direkt neben ihr erschien und nach ihr griff. Dann übermannte sie der Schlaf. Plötzlich stutzte der graue Mann und wandte sich um. Ganz in der Nähe witterte er eine Gefahr: Sascha. Der graue Mann lächelte. 'Um das Mädchen kann ich mich später noch kümmern, das rennt mir nicht weg', dachte er bei sich. 'Erst kommt der Junge dran'. Sascha hatte den halben Zirkusplatz ergebnislos abgesucht. Der immer dichter werdende Nebel erschwerte die Aufgabe noch. Sascha konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Er blieb stehen und überlegte, ob er zu seinen Freunden zurückkehren sollte. Da hörte der Junge den rasselnden Atem hinter sich. Der graue Mann! 'Er darf mich auf gar keinen Fall berühren!' Dieser Gedanke schoss Sascha durch den Kopf und riss ihn aus seiner Erstarrung. Blitzschnell wirbelte er herum und zwängte sich unter den nächsten Wohnwagen. Er rutschte darunter weg, rappelte sich hoch und rannte rasch nach Hause. 'Abgeschlossen!', erschrak Sascha. Vergeblich rüttelte er an der Tür des Wohnwagens. Mit zitternden Händen nestelte er in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Dann blickte er zurück und sah, wie der graue Mann um die Ecke des Wohnwagens bog. 'Selbst wenn ich den Schlüssel jetzt finde, bekomme ich die Tür nicht mehr rechtzeitig auf', dachte Sascha und wollte weiterrennen. Da fiel sein Blick auf das Skateboard, das neben dem Eingang stand. Sascha sprang auf das Rollbrett und drehte sich noch einmal schnell um. Der Mann war knapp drei Meter hinter ihm. Kräftig trat Sascha vom Boden ab und setzte das Skateboard in Fahrt. 'Auf dem ausgetretenen Wiesenpfad komme ich viel zu langsam vorwärts', stellte er fest. Der Verfolger blieb dicht hinter ihm und streckte jetzt seine Klaue nach ihm aus. Sascha duckte sich gerade noch. Der Mann griff vorbei und stieß einen Wutschrei aus. Sascha änderte die Fahrtrichtung. Er bog ab auf einen schmalen, asphaltierten Spazierweg, der steil zum Stadtpark hin abfiel. In der Kurve schwankte das Skateboard wild von einer Seite auf die andere, dann raste es immer schneller geradeaus. Im gleichen Moment spürte Sascha, wie er von hinten am Jackenzipfel festgehalten wurde. Einen Moment lang drohte der Junge vom Skateboard zu stürzen. Aber er konnte sich losreißen. Mit jedem Meter wurde sein Fahrzeug schneller. Sascha hatte das Gefühl zu fliegen. Er ging tief in die Hocke und spähte in den Nebel hinein. Aber er konnte kaum etwas sehen. Umso größer war der Schock, als der Weg am unteren Ende plötzlich eine scharfe Linkskurve machte. Sascha blieb keine Zeit zum Reagieren. Das Skateboard bretterte weiter geradeaus und raste auf eine Baumgruppe zu. Sascha ruderte wild mit den Armen und verlagerte sein Gleichgewicht. Das Brett schoss knapp an einem Baumstamm vorbei, dann verlor es seine Bodenhaftung. Sascha stürzte einen Abhang hinab, Blätter und dünne Äste verkratzten sein Gesicht. Er prallte auf den weichen Erdboden und blieb bewegungslos liegen. Am oberen Rand der Böschung sah er die hageren Umrisse des grauen Mannes. Sascha nahm seine ganze Kraft zusammen und kroch weg. Er glitt zwischen Baumwurzeln hindurch und krabbelte über nasses Laub. Immer wieder hielt er inne und lauschte. Der rasselnde Atem des Verfolgers wurde leiser. Schließlich hörte Sascha ihn nicht mehr. Wie lange Britta besinnungslos dagelegen hatte, wusste sie nicht. Plötzlich wurde sie gepackt und heftig geschüttelt. "Kind, was machst du denn hier?", fragte ihr Vater, der neben ihr kniete. "Bist du gefallen?" Müde öffnete Britta die Augen. Einen Augenblick lang hatte sie Mühe sich daran zu erinnern, was passiert war. Dann fiel ihr alles wieder ein. "Hast du einen graugekleideten Mann hier irgendwo gesehen, Vati?", fragte Britta. "Einen Mann?", wunderte sich Beppo. "Nein, außer dir habe ich hier keinen Menschen gesehen. Geh lieber nach Hause ins Bett. Deine Mutter sorgt sich schon, wo du bist." Britta rappelte sich auf und ging. Dabei lugte sie vorsichtig um jede Ecke. Endlich erreichte sie ihren Wohnwagen. Bevor sie eintrat, schaute sie durch ein Fenster des benachbarten Wohnwagens. Olivers Schlafzimmer war leer. 'Ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen!' Gewissensbisse plagten Britta. 'Was, wenn der graue Mann ihn gefangen hat?' Sascha hatte den oberen Rand der Böschung erreicht. Dort blieb er stehen und blickte in die Nacht hinaus. Er hatte Angst. Gleichzeitig kam ihm ein schrecklicher Gedanke: Der graue Mann hatte ihn gesehen! 'Ich bin ertappt!', schrie Saschas innere Stimme und sein Kopf dröhnte. 'Der graue Mann hat mich ertappt, als ich ihm nachspionierte!' Sascha schlich zu der Stelle, wo der graue Mann ihn fast erwischt hätte. Dabei hinterließ er im morastigen Boden tiefe Fußspuren. Von dem grauen Mann war auf dem ganzen Weg nirgends der kleinste Fußabdruck sichtbar. Müde und zerschlagen betrat Sascha seinen Wohnwagen und ging in sein Zimmer. Dort erwartete ihn der nächste Schock. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Kreuz und quer lagen die Möbel verstreut. Ein Regal war auseinandergebrochen. Bilder und Poster waren von den Wänden gerissen. Überall lagen Glasscherben herum. Als Sascha seine Bücher aufhob, griff er in eine gallertartige Flüssigkeit, die auf einigen Umschlägen klebte. Es war der gleiche Schleim, den er in der Loge des grauen Mannes entdeckt hatte. "Er war hier!" Der Schreck verschlug ihm den Atem. 'Vielleicht sucht er mich jetzt bei Britta oder Oliver', dachte er und lief hinaus. Britta betrat ihr Zimmer. Sie wollte sich gerade auf das Bett setzen, da hörte sie darunter eine Stimme: "Britta, ich bin hier." Oliver lag zusammengekauert unter ihrem Bett. "Was machst du denn da unten?" "Bei mir zuhause war niemand", erklärte er. "Und da ich viel zu viel Angst zum Alleinsein hatte, bin ich zu dir. Deine hat Mutter mich reingelassen." "Meine Mutter?", wiederholte Britta. "Wo ist sie jetzt?" "Sie wollte noch mal kurz zu Tante Martha", antwortete Oliver. "Als sie fort war, hab' ich mich vorsichtshalber unter deinem Bett versteckt." Britta legte sich auf den Bauch, damit sie Oliver sehen konnte. "Komm schon raus." Oliver schüttelte heftig den Kopf und kroch tiefer unter das Bett. "Ich hab' Angst." "Mach keinen Blödsinn!", Britta schaute ihren Freund verständnislos an. Dann kroch sie zu ihm unter das Bett. "Willst du etwa die ganze Nacht hier verbringen?" "Warum nicht?", fragte Oliver zurück. "Da draußen ist der graue Mann." "Er ist weg", erwiderte sie und blieb neben Oliver liegen. "Wohin?", hakte er skeptisch nach. "Ich weiß es nicht", antwortete Britta. "Aber er ist bestimmt nicht mehr hier." "Und was ist mit Sascha?", wollte Oliver wissen. "Sascha?", Britta stutzte. "Den hab' ich total vergessen. Wir wollten uns doch wieder treffen. Bestimmt macht er sich schon Sorgen um uns. Ich geh' schnell zu ihm rüber." "Nein, bleib hier!", Oliver hielt Britta am Arm fest. "Unter dem Bett sind wir sicher." "Unsinn", widersprach sie und stockte... Knarrend öffnete sich die Tür. Grauer Nebel kroch über den Fußboden. Britta und Oliver lagen wie erstarrt unter dem Bett. "Wo seid ihr?", fragte der graue Mann mit dünner Sing-Sang-Stimme. Lautlos kam er ins Zimmer. Beim Anblick des unbenutzten Bettes stieß er einen Wutschrei aus und schwenkte wild die Arme. Mit ohrenbetäubendem Knall explodierten daraufhin die Fensterscheiben, Bilder fielen von den Wänden, Glühbirnen zersplitterten und kleinere Möbel kreiselten kreuz und quer durcheinander. Im Zimmer tobte ein regelrechter Orkan. Genauso plötzlich, wie der Lärm losgebrochen war, verstummte er. Britta und Oliver rührten sich sekundenlang nicht. Dann flüsterte sie: "Er ist weg." "Hier sieht's ja aus wie in einem Katastrophengebiet", stellte Oliver fest, als er unter dem Bett hervorkroch. Sascha trat ein. "Bei mir sieht's auch nicht besser aus. Wie geht's euch?" "Alles in Ordnung", antwortete Oliver zitternd. "Ich hasse Unordnung!", schimpfte Britta. "Das muss ich alles wieder aufräumen. Was zum Henker wollte dieser Mensch hier?" "Das begreife ich auch nicht", gab Oliver zu. "Was mag er nur gesucht haben?" "Uns", antwortete Sascha ernst. "Der graue Mann weiß, dass wir ihm auf die Schliche gekommen sind. Er hat mich gesehen." "Mich auch", bestätigte Britta. "Deshalb wird er weiter nach uns suchen", vermutete Sascha voller Unbehagen. "Und was wird er mit uns machen, wenn er uns erwischt?", Oliver schluckte. "Keine Ahnung", erwiderte Sascha grimmig. "Aber ich habe nicht vor, mich von ihm erwischen zu lassen." |