Mitternachts-Spuk  

Hinter den Waldbäumen versank die Abendsonne. Die Mordshitze, die den ganzen Tag geherrscht hatte, wich einer drückenden Schwüle. Aufziehende Gewitterwolken kündeten ein Unwetter an.
Das Floß der Tele-Bande glitt lautlos über den großen See. Sanft brachen sich die Wellen am Bug. Manchmal schwappte eine über die Planken hinweg.
Sara zog vorsichtshalber ihre Schuhe aus, damit die neuen Sandalen nicht nass wurden.
Jenny saß am Heck des Floßes. Sie beachtete das Wasser nicht, das ab und zu an ihrem Rocksaum leckte.
„Heh, Jenny, du wirst ja ganz nass“, bemerkte Sara.
Jenny überhörte den Einwand ihrer Freundin. Sie versuchte Ordnung in ihre wirren Gedanken, die seit vorgestern in ihrem Kopf herumgeisterten, zu bringen. Doch je mehr sich Jenny bemühte, desto ratloser wurde sie.
„Heh, Jenny!“ Zappa wollte die schweigsame Freundin ins Gespräch mit einbeziehen. „Weißt du schon, welches neue Computerspiel ich habe?“
Jenny nahm die Frage gar nicht wahr.
„Heh, Jenny!“, rief Zappa. „Wachst du oder träumst du?“
- Keine Reaktion -
„Jenny! Jenny!“ Sara versuchte auch vergeblich, ihre Freundin aus ihrem Tagtraum zu reißen. Fassungslos drehte sich Sara zu Zappa um. „Mein Gott! Sie ist scheintot!“
Jennys geistesabwesender Blick ruhte unbeweglich auf einem Punkt in der Ferne. Plötzlich spürte sie wohl, dass ihre Freunde sie anstarrten.
„Jenny, bedrückt dich etwas?“, fragte Sara besorgt. „Streiten deine geschiedenen Eltern mal wieder miteinander?“
„Du musst doch nicht etwa aus Bernheim wegziehen?“, erschrak Zappa.
„Will dich das Jugendamt in ein Heim stecken, weil sich dein Großvater die meiste Zeit um dich kümmert, wenn deine Mutter arbeiten geht?“, hakte Hassan nach.
Jenny erwachte ganz aus ihrem Trancezustand und antwortete gereizt: „Blödsinn! Könnt ihr mich nicht einmal ein paar Minuten in Ruhe lassen?“
„Reg dich ab!“, lenkte Zappa ein. „Weißt du, du benimmst dich in letzter Zeit ziemlich merkwürdig.“
„Man könnte fast meinen, dass du verknallt bist“, meinte Sara.
„Na ja“, stotterte Jenny und wurde puterrot.
„Bingo!“, seufzte Hassan. „Gratuliere, Sara. Das war ein Volltreffer!“
„Verliebt?“, stöhnte Zappa. „Ich glaub's nicht, Jenny! Vor ein paar Tagen warst du noch ein richtig zäher Knochen. Und jetzt bist du verliebt? Auweia!“
„Verrate uns mal, wer der Glückliche ist?“, bohrte Sara weiter.
„Er heißt Tommy“, schwärmte Jenny. „Er ist vor einer Woche mit seinen Eltern ins Nachbarhaus gezogen.“
„Und?“ Sara ließ nicht locker. „Wie sieht er aus?“
„Spitze!“ antwortete Jenny verträumt. „Wie Tom Cruise mit vierzehn.“
„Hast du schon mit ihm gesprochen?“, fragte Sara weiter. „Geht ihr zusammen aus?“
„Nein!“, erschrak Jenny. „Ich quatsche ihn doch nicht so mir nichts dir nichts an. Da käme ich mir echt blöd vor.“
„Na, dann viel Glück“, grinste Zappa. „Das wirst du bei deiner Art der Anmache bestimmt dringend brauchen.“
„Ich hab' ihn gestern gesehen“, erzählte Jenny versonnen.
„Deinen Traumboy?“, spottete Hassan. „Sag bloß, du spionierst ihm nach?“
„Quatsch! Er war plötzlich da“, antwortete Jenny. „Ich lag im Freibad auf der Decke und als ich aufgesehen habe, kletterte er gerade aus dem Wasser.“
„Toll, und was hast du unternommen?“ Sara fieberte vor Wissbegierde.
„Na, gewartet“, erklärte Jenny.
„Auf was?“, wunderte sich Zappa.
„Darauf, dass er mich ansieht“, fuhr Jenny fort. „Auf einen Wink des Schicksals.“
„Ach du grüne Neune! Jenny ist ja voll auf den Typ abgefahren, Leute“, stöhnte Hassan. „Wer hätte das gedacht?“
„Hoffentlich ist das keine ansteckende Krankheit“, hieb Zappa in die gleiche Kerbe.
„Was versteht ihr denn schon von der Liebe“, maulte Jenny. „Ihr seid doch nur Jungs!“
Während der nächsten Minuten wollte Jenny von ihren Freunden nichts mehr wissen. Sie bereute, dass sie ihnen von ihrer Herzensangelegenheit erzählt hatte.
Als die Tele-Bande die Insel erreichte, vertäuten die Jungs das Floß am Ufer. Dann nahmen die Mädchen die Rucksäcke, während Hassan und Zappa die Schlafsäcke und die Lebensmittelkörbe trugen.
Der Wald war völlig verwildert. Unter hohem Unkraut lag der Pfad, der ins Inselinnere führte, verborgen. Er wand sich durch Gestrüpp hindurch bis zu einer Lichtung. Der Gesang vieler Vögel begleitete die vier Freunde auf ihrem Weg landeinwärts. Schon bald tauchte abendliche Dämmerung den Wald in lichtes Dunkel.
Die Tele-Bande stieg einen steilen Hang hinauf, kletterte über einen umgestürzten Baumstamm und kroch unter Dornenranken hindurch.
Als der Wind auffrischte, wurde es merklich kühler. Der Himmel färbte sich dunkelgrau und die Nacht brach beinahe urplötzlich herein.
Nach einiger Zeit erreichte die Tele-Bande eine Lichtung, auf der kniehoch Unkraut wucherte. Die Kids waren am Ziel. Hier stand die Blockhütte, in der Zappa im Traum der Geist des Selbstmörders erschienen war.
Kaum hatte die Tele-Bande die Hütte betreten, setzte Regen ein. Zuerst fielen nur vereinzelt Tropfen, dann strömte der Regen heftiger. Grellweiß ex­plodierte ein Blitz am nachtschwarzen Himmel. Der Donner begann als leises Brummen, das rasch anschwoll und die Luft erzittern ließ.
Zappa holte eine Petroleumlampe aus dem Rucksack, stellte sie auf den alten Holztisch und zündete den Docht an.
Jenny breitete die Schlafsäcke auf dem Boden aus. Sara stand am Fenster. Sie presste die Arme an ihren Körper, als ob ihr fröstelte.
„Ich mag diese Insel nicht“, sagte sie. „Sie hat etwas Unheimliches. Ich glaube sogar, sie birgt ein böses Geheimnis.“
„Jetzt fängst du auch schon so wie Zappa an“, beschwerte sich Hassan. „Behaltet eure Schauermärchen gefälligst für euch.“
Wieder zuckte ein Blitz. Diesmal folgte der Donner bedeutend schneller. Der Wind schwoll an und heulte wie ein Geist.
Jenny zündete ein Feuer im offenen Kamin an,  denn an der Wand waren noch zahlreiche Holzscheite aufgestapelt. Wenig später knisterte und knackte das Holz im Kamin und ab und an stieben Funken empor. Die vier Freunde rückten vor dem Feuer dicht zusammen.
Sara fischte eine Dose Würstchen und ein Baguette aus dem Korb. Jenny öffnete die Konserve mit einem Büchsenöffner. Zappa nahm das Brot und schnitt es mit seinem Schweizer Taschenmesser in handliche Stücke. Hassan wagte sich kurz nach draußen und kehrte mit vier dünnen Stöckchen zurück. Darauf spießten sie die Würstchen und erwärmten sie über dem Feuer.
Draußen zog das Gewitter langsam weiter. Das Donnergrollen wurde leiser und verklang schließlich in der Ferne. Dann war nur noch das Prasseln des Regens zu hören.
„Los Leute, wir erzählen uns jetzt Gespenster-Geschichten“, schlug Hassan nach dem Essen vor.
Doch seinen Freunden fehlte die rechte Lust dazu. Wegen des Gewitters war ihnen schon gruselig genug zumute.
Jenny und Sara verkrochen sich als erste in ihre Schlafsäcke und schliefen ein. Hassan und Zappa verweilten noch so lange vor dem Feuer, bis es ganz niedergebrannt war. Dann legten sie sich auch hin und schliefen kurz darauf ebenfalls ein.
Plötzlich erklang draußen wieder das geisterhafte Lachen, das Zappa und Hassan heute schon einmal erschrocken hatte.
Zappa wurde als einziger davon wach. Er fuhr senkrecht in seinem Schlafsack hoch. Seine Haare sträubten sich, als er angespannt lauschte. Aber außer dem Zirpen der Grillen und dem Schrei eines Käuzchens hörte er nichts. Hatte er sich das geisterhafte Lachen etwa nur eingebildet?
Nein, das war kein Traum gewesen. Dessen war sich Zappa ganz sicher.
So sehr er seine Augen auch anstrengte, sie konnten die pechschwarze Finsternis nicht durchdringen. Von draußen hörte er nur noch die normalen Nachtgeräusche und drinnen das ruhige Atmen seiner schlafenden Freunde.
Zappa legte sich wieder hin. Da spürte er, dass sich etwas in der Dunkelheit bewegte. Ein leises Kratzen drang an sein Ohr. Es dauerte nur einen Augenblick.
Zappa stützte sich auf die Ellenbogen und hob vorsichtig den Oberkörper an. Sein Herz setzte einen Schlag aus und schlug dann umso schneller.
Die Tür war von innen mit einem Vorhängeschloss verriegelt und die Fensterläden waren ebenfalls verschlossen. Dennoch spürte Zappa etwas in seiner Nähe, das sich bewegte. Eine eiskalte Hand legte sich auf seine Schulter. Im ersten Moment wollte er vor Entsetzen laut schreien und weglaufen. Aber vor lauter Grauen konnte er keinen Muskel bewegen.
„Psssst“, flüsterte Hassan. „Ich bin's.“
Hassan knipste eine Mini-Taschenlampe an und beleuchtete sein Gesicht von unten.
„Hast du sie nicht mehr alle?“, zischte Zappa erbost. „Wegen dir hätte ich beinahe einen Herzschlag erlitten.“
„Sei leise!“, raunte Hassan. „Komm mit und wecke die Mädchen nicht.“
Mit zwei zusammengerollten Bettlaken unter dem Arm schlich Hassan nach draußen. Zappa folgte ihm. Inzwischen hatte der Regen aufgehört. An manchen Stellen riss die Wolkendecke auf und der Mond trat zum Vorschein.
„Was ist los?“, fragte Zappa verärgert und schloss die Hüttentür hinter sich. „Kannst du nicht schlafen, oder was?“
„Es ist Mitternacht“, erwiderte Hassan.
„Bloß um mir das zu sagen, weckst du mich?“, nörgelte Zappa. „Bist du bescheuert?“„Mitternacht ist Geisterstunde“, kicherte Hassan. „Es wäre doch rattenscharf, wenn wir den Mädchen zwei Geister präsentieren könnten, oder?“
Hassan rollte die beiden Betttücher auf.
„Wenn wir die überziehen, geben wir zwei megacoole Zombies ab“, erklärte Hassan. „Ich sehe Sara und Jenny schon kreischend wegrennen.“
„Hast Löcher für die Augen in die Bettlaken geschnitten?“, wollte Zappa wissen.
„Ja logo, sonst können wir doch nichts sehen“, antwortete Hassan.
„Bin gespannt, wie du das deiner Mutter erklärst“, gluckste Zappa und zog sich ein Bettlaken über den Kopf. „Ich kann mir nicht helfen, aber ich komme mir wie ein megagroßer Idiot vor.“
„Macht nichts!“, grinste Hassan. „Das passiert dir doch häufig. Daran bist du bestimmt gewöhnt.“
„Pass bloß auf, sonst kannst du dich an eine geschwollene Oberlippe gewöhnen!“, zischte Zappa.
„Schon gut“, besänftigte Hassan ihn. „War doch nur 'n Scherz, Mann.“
Als Hassan und Zappa gerade in die Hütte huschen und die Mädchen erschrecken wollten, erklang wieder der langgezogene Schrei. Er ließ den Jungen das Blut in den Adern gefrieren. Vor Schreck wäre Zappa beinahe gestolpert.
„DA!“, keuchte er und riss sich die alberne Verkleidung vom Kopf. „Der Geist des Selbstmörders! Er ist hier...., ganz in der Nähe.“
„Denk bloß nicht, ich glaube inzwischen an Geister“, meinte Hassan, „aber es ist besser, wenn wir uns in der Hütte einschließen.“
„Wenn hier wirklich der Geist des Selbstmörders rumspukt, dann dringt der durch die Hüttenwände wie ein Messer durch Butter“, gab Zappa zu bedenken.
Wieder zerriss das unmenschliche Lachen kurz die nächtliche Stille, ehe es abrupt verstummte.
Zappa und Hassan stierten mit weit aufgerissenen Augen in die Richtung, aus der das schauerliche Geräusch gekommen war. Zwischen dem Blattwerk blitzte kurz ein Licht auf.
„Hast du das auch gesehen?“, fragte Hassan.
„Ja.“ Zappa senkte seine Stimme. „Das bedeutet, wir sind nicht allein auf der Insel. Jemand schleicht hier mit einer Taschenlampe herum.“
„Nach einer Taschenlampe sah mir das Licht aber nicht aus“, meinte Hassan. „Dafür war es zu hell.“
„Es kann nur eine Taschenlampe gewesen sein“, widersprach Zappa. „Auf der Insel gibt es doch keinen elektrischen Strom.“
Gespannt blickten die beiden Jungen weiter in die Dunkelheit. Aber das Licht blieb verschwunden.
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Hassan.
„Entweder wir gehen dem geheimnisvollen Licht auf den Grund“, schlug Zappa vor, „oder wir verbarrikadieren uns in der Hütte und warten ab.“
„Ich hab keine Lust, durch die Finsternis zu stolpern“, entgegnete Hassan. „Bei Tageslicht sieht bestimmt alles ganz anders aus. In der Dunkelheit bildet man sich vieles ein, was sich im Nachhinein als albern herausstellt.“
Fluchtartig huschten die beiden Jungen in die Hütte zurück. Sie schlossen die Tür von innen ab und krabbelten in ihre Schlafsäcke. Hassan fiel bald in einen unruhigen Schlaf. Zappa machte lange kein Auge zu. Immer wieder hielt er den Atem an. Was war das für ein Geräusch gewesen? Angestrengt lauschte er in die Dunkelheit. Ab und an rüttelte der Wind an den Fensterläden, oder Regenwasser plätscherte vom Dach. Aber einmal klang es auch nach leisen Schritten, als ob jemand um die Hütte schlich. Dann wurde es wieder totenstill.
Zappa stieß einen erleichterten Seufzer aus. Nach einiger Zeit überwältigte ihn endlich der Schlaf.
Kurz darauf kratzte etwas draußen an der Blockhaustür und rüttelte an der Klinke.

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