12.
Kapitel
In der Falle
In der Falle Die Polizei blockierte die
Straße in beide Richtungen. Sara und Zappa blieb nur die Flucht über
eine angrenzende Baustelle. Kurz entschlossen rannten sie in den Rohbau
eines zehnstöckigen Bürohauses und hetzten die Betontreppe hinauf.
Im vierten Stock liefen sie durch eine große Halle. Beleuchtung gab
es in dem Bau noch nicht. Durch die großen, glaslosen Fensteröffnungen
fiel spärliches Licht.
Zappa trat an eines der Fenster. Unten auf der Straße drehten sich
die Blaulichter von drei Streifenwa-gen. Vier Beamte stürmten in den
Rohbau. Zwei blieben bei ihren Autos. Per Handfunk hielten sie Kontakt
mit den Kollegen, die Jagd auf die Zwillinge machten. Die vier Polizisten
hatten Taschenlampen dabei. Sie verteilten sich auf die einzelnen
Stockwerke und suchten systematisch Etage für Etage ab.
"Mensch, Zappa, was sollen wir jetzt machen?", fragte Sara besorgt.
"Wir hätten nicht weglaufen dürfen. Schließlich haben wir nichts getan."
"Aber das hätte uns keiner geglaubt", antwortete Zappa. "Der Radfahrer
ist fest davon überzeugt, dass ich den Wagen gesteuert habe. Er verwechselt
mich mit Cinch."
"Und wenn wir der Polizei sagen, dass es Cinch war?"
"Der ist doch nicht doof", meinte Zappa. "Cinch streitet mit Sicherheit
alles ab. Und Fingerabdrücke gibt es in dem ausgebrannten Auto mit
Sicherheit keine mehr. Du kannst es drehen und wenden, wie du willst,
Sara. Alles spricht gegen uns. Außerdem ist es schon verdächtig, dass
wir uns um diese Zeit noch draußen herumtreiben."
"O Mann, wenn unsere Eltern das erfahren!"
"Das werden sie nicht", versprach Zappa.
"Pscht, sei leise!", flüsterte Sara. "Da kommt jemand."
Die Zwillinge gingen hinter einer Betonsäule in Deckung. Vorsichtig
spähte ein Polizist in den Raum. In seiner Hand hielt er eine Taschenlampe.
Langsam glitt der Lichtkegel über die kahlen Betonwände.
"Macht keinen Quatsch und kommt raus, Kinder!", rief der Polizist.
"Früher oder später finden wir euch doch. Alle Ausgänge des Gebäudes
werden überwacht." Er erhielt keine Antwort. Die Zwillinge pressten
sich an die Betonsäule.
"Bringt euch nicht in noch größere Schwierigkei-ten!", rief der Polizist.
"Ihr macht alles nur noch schlimmer."
Der Polizist blieb am Ende der Halle stehen und wirbelte herum. Dabei
erfasste der Lichtkegel seiner Lampe die Zwillinge. Knapp fünf Meter
trennten sie von dem Polizisten. Einen Sekundenbruchteil erstarrten
Sara und Zappa vor Schreck.
"Ich hab' sie!", schrie der Polizist in sein Handfunkgerät. "Sie sind
im vierten Stock."
Die beiden Kinder stürmten die nächstbeste Treppe hinauf. Der Polizist
wartete, bis seine Kollegen he-beikamen. Das verschaffte den Zwillingen
einen kleinen Vorsprung. Zwei Stockwerke höher rannten sie durch einen
langen Korridor, der vor einer Metalltür endete.
"Der Notausgang", flüsterte Zappa. "Wenn die Tür offen ist, tricksen
wir unsere Verfolger aus. Während die weiter oben nach uns suchen,
hauen wir über die Nottreppe nach unten ab.
"Aber die Ausgänge werden doch von Polizisten bewacht", bemerkte Sara.
"Dafür finden wir auch noch eine Lösung", versprach Zappa.
Vor der Eisentür hielt er inne und drückte die Türklinke. Abgeschlossen.
"Verflixt!", schimpfte Zappa.
"Was machen wir jetzt?", fragte Sara.
"Zuerst mal raus aus dem Flur", meinte ihr Bruder. "Hier schnappen
uns die Polizisten bestimmt."
Von der Treppe hallten Stimmen herüber.
"Wir sitzen in der Falle!", stöhnte Sara. Sie blickte nach oben.
Teile der hölzernen Deckenverkleidung waren noch nicht montiert. Zwischen
Betondecke und Holzverkleidung befand sich ein Hohlraum.
"Wenn wir bloß da hinauf könnten", seufzte Sara. "Da oben vermutet
uns bestimmt keiner."
"Das sind über zwei Meter", sagte Zappa. "Aber wenn du dich auf mich
stellst, kannst du es schaffen."
"Und was ist mit dir?", wollte Sara wissen.
"Du musst mich hochziehen", antwortete Zappa.
Er stellte sich mit dem Rücken gegen die Wand und baute seiner Schwester
eine Räuberleiter. Sara kletterte an ihm hoch. Zappas Schultern zitterten
un-ter ihrem Gewicht. Sara reckte ihre Arme hoch und umklammerte eine
Deckenleiste. Einen Klimmzug später war Sara durch eine Lücke in der
Deckenverkleidung verschwunden. Kurz darauf erschien sie wieder. Sie
lag auf dem Bauch und streckte einen Arm nach unten. Aber Zappa konnte
nicht einmal ihre Fingerspitzen berühren. Ihm blieben nur noch Sekunden.
Die Polizisten mussten im nächsten Moment um die Ecke biegen.
Zappa nahm Anlauf und sprang hoch. Er erwischte Saras Arm kurz über
dem Handgelenk Einen Moment lang dachte Sara, ihr Arm wäre ausgekugelt.
Tapfer biss sie die Zähne zusammen, hielt ihren Bruder fest und zog
ihn Stückchen für Stückchen in die Höhe. Mit der freien Hand ergriff
Zappa eine Deckenleiste. Er hangelte sich hoch.
Kaum waren seine Füße in der Deckenluke verschwunden, rannte auch
schon der erste Polizist in den Flur. Gewissenhaft kontrollierte er
jede einzelne Ecke. Zappa lag neben seiner Schwester und hielt den
Atem an. Der Hohlraum zwischen Holz- und Betondecke war doch schmaler,
als es von unten ausgese-hen hatte. Nachdem der Polizist alle Nischen
inspiziert hatte, ging er ins Treppenhaus zurück.
‚Glück gehabt', dachte Zappa. ‚Wenn die die obe-ren Stockwerke absuchen,
haben wir freie Bahn.'
Ein vorsichtiger Blick durch das Loch in der Deckenverkleidung belehrte
Zappa eines Besseren. Ei-ner der Polizisten bezog im Treppenhaus Posten.
"Den Weg, den wir gekommen sind, können wir vergessen", flüsterte
Zappa.
"Und was jetzt?", fragte Sara. "Sollen wir hier liegen bleiben, bis
wir Schimmel ansetzen?"
"Irgendwann werden die Polizisten bestimmt ab-ziehen", sagte Zappa.
"Aber irgendwann werden hier auch jede Menge Arbeiter aufkreuzen",
entgegnete Sara. "Und die finden uns mit Sicherheit."
Kurz entschlossen schoben sie sich rückwärts über Rohre und Leitungen
hinweg.
"Bestimmt gibt es noch weitere Löcher in der Deckenverkleidung", hoffte
Zappa.
Im Hohlraum herrschte totale Finsternis. Plötzlich stieß Zappas linkes
Bein ins Leere. Beinahe wäre er durch das Loch in der Deckenverkleidung
nach unten gestürzt.
"Bingo!", keuchte Zappa. "Ich habe einen Aus-gang gefunden."
Er arbeitete sich so weit wie möglich vor. Dann ließ er los, sprang
und landete nach zwei Metern hart auf dem Beton.
"Zappa! Alles in Ordnung?", fragte Sara ängstlich.
In der Dunkelheit sah sie fast nichts.
"Alles klar!", antwortete Zappa. "Bloß die Landung war ein bisschen
hart."
Sara sprang hinterher und federte wie eine Katze auf dem Boden ab.
"Weißt du, wo wir hier sind?", wollte sie wissen.
"In einem der Büroräume", vermutete Zappa.
Er ging zur Tür und rüttelte an der Klinke.
"Abgeschlossen", stellte er fest. "So ein Mist! Wir sind vom Regen
in die Traufe gekommen. Statt in der Deckenverkleidung stecken wir
jetzt hier fest."
"Komm mal her!" Sara stand an einem der unver-glasten Fenster. "Ich
glaube, ich habe etwas Interes-santes entdeckt."
Von hier oben hatten sie einen grandiosen Ausblick über die Stadt.
Das Büro befand sich an einer Schmalseite des Rohbaues. An der Fassade
war ein Metallgerüst aufgestellt, das vom Boden bis über das Fenster
reichte.
"Allein bei dem Gedanken, da herunter zu steigen, wird mir ja schon
schwindlig", stöhnte Sara. "Aber uns bleibt ja wohl keine andere Wahl."
Angesichts der gähnenden Tiefe drehte sich auch Zappa der Magen um.
Er kämpfte jedoch seine Höhenangst nieder und kletterte wortlos auf
das Gerüst hinaus.
"Du kannst kommen!", rief er Sara zu. "Es hält."
Sara stieg zu ihrem Bruder auf das Gerüst.
"Bilde ich mir das nur ein, oder wackelt das Ding tatsächlich unter
meinen Füßen?", fragte sie erschrocken.
"Es wackelt tatsächlich", bestätigte Zappa. "Das muss es auch. Wenn
es starr wäre, würde es bei einem kräftigen Windstoß zusammenbrechen."
Vorsichtig balancierten die Zwillinge zu einer Leiter, die in das
nächsttiefere Stockwerk führte. Zappa stieg als erster hinab.
"Laufen wir jetzt nicht den Polizisten in die Arme, die an den Ausgängen
Wache stehen?", befürchtete Sara.
"Nein. Die Ausgänge sind an der Seitenwand des Hauses. Das Gerüst
steht aber an der Schmalseite. Mit einem bisschen Glück schaffen wir's
unbemerkt nach draußen."
Die Zwillinge stiegen bis zum ersten Stock hinab.
"Verfixt!", schimpfte Zappa. "Das darf doch nicht wahr sein! Hier
fehlt die erste Leiter."
"Bist du sicher?", erschrak Sara. "Sie muss doch irgendwo sein."
"Klar", antwortete Zappa. "Wahrscheinlich liegt sie zusammengeklappt
in einem Bauwagen. Die Arbeiter haben die Leiter bestimmt entfernt,
damit nach Feierabend niemand auf dem Gerüst herumturnt."
"Dann müssen wir eben springen", schlug Sara vor. "Was meinst du?
Wie tief geht's da runter?"
"Mindestens fünf Meter", schätzte Zappa. "Spring, wenn du dir beide
Beine brechen willst."
In diesem Augenblick geschah etwas Unvermutetes. Wie von Geisterhand
wurde von unten eine Leiter angelehnt. Zappa strengte seine Augen
an, aber er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen.
"Zappa?", rief eine Stimme von unten. "Sara?"
"Menschenskind, das ist Hassan!" Sara konnte ihr Glück nicht fassen!
"Schnell, steigt auf der Leiter herunter!", meldete sich eine zweite
Stimme aus der Finsternis.
"Und das ist Jenny", stammelte Zappa ungläubig. "Wie kommen die beiden
denn hierher?"
"Das klären wir später. Los, kommt!"
Flink kletterten die Zwillinge die Leitersprossen hinab. Im Schatten
der Baubuden und Maschinen huschten die vier Freunde unentdeckt von
der Bau-stelle. Durch eine Lücke im Bauzaun erreichten sie eine menschenleere
Straße.
"Wie konntet ihr wissen, dass wir hier in der Klemme stecken?", wunderte
sich Zappa.
"Wissen ist zu viel gesagt", antwortete Hassan. "Ich war gerade eingeschlafen,
als ich plötzlich einen merkwürdigen Traum hatte. Ich sah dich und
Sara in diesen Rohbau fliehen. Frag' mich nicht warum, aber ich bin
irgendwie sofort aufgewacht, aus dem Bett gesprungen und hierher gerannt."
"Ob ihr es glaubt oder nicht, aber mir ging's ge-nauso", erzählte
Jenny. "Ich hatte denselben Traum. Deshalb trafen Hassan und ich fast
gleichzeitig an der Baustelle ein."
"Das kann doch kein Zufall sein", meinte Zappa nachdenklich. "Zwei
Menschen träumen nicht zur gleichen Zeit denselben Traum. Das gibt
es einfach nicht."
"Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass wir vier am selben Tag
geboren wurden", vermutete Hassan. "Vielleicht besteht eine Art übernatürliche
Verbin-dung zwischen uns, von der wir nichts wissen."
"Das könnte sein, denn unser Geburtstag ist kein x-beliebiger Tag",
ergänzte Jenny. "Am 30. April ist Walpurgisnacht. Und das ist schließlich
eine magische Nacht."