3. Kapitel
DARK

Jennys Großvater bewohnte eine alte Villa am Stadtrand von Bernheim. Das von Efeu umrankte Gebäude stand inmitten eines tadellos gepflegten Parks. Dort hatten sich Hassan, Sara und Zappa mit Jenny verabredet. Die Freunde machten einen Rundgang durch die Kellerräume. Hier wollten sie ihre Geburtstagsparty steigen lassen.
"O Mann, wie sieht denn das alles aus?", stöhnte Hassan. Der Keller war bis zur Decke mit Gerümpel zugemüllt.
"Zuerst müssen wir kräftig aufräumen und saubermachen", erklärte Jenny. "Glaubst du, wir schaffen das bis morgen?", fragte Sara.
"Kleine Fische", meinte Jenny. "Die Fete beginnt doch erst um fünf Uhr. Bis dahin sind wir dreimal fertig, und eine Mafia-Torte backen wir auch noch."
"Eine Mafiatorte?" Sara kannte den Ausdruck nicht.
"Mensch, Sara! Eine Pizza!", übersetzte Jenny. "Sag mal, lebst du hinter dem Mond?"
"Gibt's keinen Kuchen und heiße Schokolade?", wunderte sich Sara.
"Aus dem Alter bin ich raus", erklärte Hassan. "Ich steh' auch mehr auf Mafiatorte."
Nachdem das geklärt war, entrümpelten die Freunde den Keller. Dann wischten Zappa und Jenny den Boden feucht auf. Hassan befestigte Spots an der Decke. Er verband sie mit einer Lichtorgel, so dass sie im Rhythmus der Musik flackerten. Sara half ihm dabei. Oben im Wohnzimmer saß Jennys Großvater in einem Ohrensessel. Plötzlich hörte er von unten ein entsetzliches Krachen. Wie von der Tarantel gestochen sprang Opa Rudi auf und rannte in den Keller. Ohrenbetäubende Musik dröhnte ihm entgegen. Dazu flackerten Has-sans Spots hektisch an der Decke und den Wänden herum.
"Toller Sound, was, Opa?", schrie Jenny gegen den Lärm an.
Entsetzt starrte Opa Rudi in den Kellerraum. Er erkannte ihn nicht wieder. Auf dem Boden lagen Matratzen verstreut. Sara heftete Poster an die Wände. Hassan kniete neben einem schwarzen Gehäuse, das Opa Rudi an ein Flugzeugcockpit erinnerte.
"Was ist denn das?", brüllte Opa Rudi und hielt sich beide Ohren zu.
"Was hast du gesagt?", schrie Jenny zurück.
"WAS IST DAS?" Opa Rudi machte sich per Zeichensprache verständlich.
"Ach so!" Jenny verstand. "Das ist Hassans Hifi-Turm. Cooles Gerät, was?"
"Soll ich mal richtig aufdrehen?", brüllte Hassan. "Dann hebt das Dach ab!"
"Bloß nicht!", erschrak Opa Rudi. "Das Dach brauch' ich noch!"
Jenny begleitete ihren Großvater zur Treppe.
"Morgen Abend seid ihr bestimmt alle heiser", sagte er.
"Wieso heiser?", wunderte sich Jenny.
"Wenn ihr euch bei dem Radau unterhalten wollt, müsst ihr mächtig brüllen."
"Wer will sich denn bei einer Fete unterhalten?", erklärte Jenny. "Da wird bloß getanzt."
"Ach so, verstehe", murmelte Opa Rudi, obwohl er überhaupt nichts verstand.
Jenny ging in den Partykeller zurück. Hassan stellte die Musik ab.
"Wie viele Leute kommen denn?", fragte Sara.
"Ich hab' sechs eingeladen", antwortete Jenny.
"Und ich zehn!", rief Hassan.
"Von mir kommen nur vier", sagte Sara.
"Und Zappa?", wollte Jenny wissen.
"Keine Ahnung", erwiderte Sara. "Da musst du ihn schon selbst fragen."
"Wo steckt dein Bruder überhaupt?", wunderte sich Hassan. "Wir schuften uns hier krumm, und er macht sich einen Lenz."
"Zappa sitzt im Baumhaus am Computer und versucht den Code zu knacken", erklärte Sara.
"Welchen Code?", entgegnete Hassan.
"Um die Daten auf der Diskette aus dem Teddy-Rucksack zu lesen, braucht er einen Code", erklärte Sara. "Vielleicht findet er darauf Hinweise, wer die Entführer sein könnten."

Den halben Nachmittag hatte Zappa im Hauptquartier der Tele-Bande am Computer gesessen und getüftelt. Im Baumhaus gab es nicht nur Strom, sondern auch noch einen Nebenanschluss ans Telefonnetz. Es wurde Abend, und Zappa hockte immer noch vor dem PC. Bis jetzt hatte er keinen Erfolg gehabt.
Jenny, Sara und Hassan kamen über die Strickleiter ins Baumhaus geklettert.
"Na, wie sieht's aus, Hacker-Zappa?", fragte Jenny.
"Es tut sich nichts", antwortete Zappa. "Ich komme einfach nicht an die Daten ran. Der Bildschirm zeigt nur Fehlermeldungen. Seht ihr?"
"Ich sehe gar nichts", meinte Sara.
"Genau das meine ich", seufzte Zappa. "Ich hab' wirklich alles versucht. Leider Fehlanzeige."
"Na, das ist doch ganz einfach", lachte Hassan. "Wenn nichts zu sehen ist, ist auf der Diskette auch nichts drauf. Die ist unbeschrieben."
"Könnte man meinen", stimmte Zappa ihm zu. "Aber pass mal auf!"
Er klickte auf Arbeitsplatz und drückte mit der Maustaste auf das "C"-Laufwerk. Am linken Bildrand meldete ein Fenster "Frei: 0 KB".
"Das bedeutet, dass auf dieser Diskette kein Speicherplatz mehr frei ist", erklärte Zappa.
"Na und?", wunderte sich Hassan.
"Das heißt, dass etwas auf dieser Diskette abgespeichert sein muss", folgerte Jenny.
"Genau. Ich zermartere mir das Gehirn, wie wir an diese Informationen rankommen."
"Lass mich auch mal versuchen", bat Jenny. "Oh, bitte."
Zappa lachte kurz und gab den Stuhl frei. "Ich hab' für heute sowieso keine Lust mehr."
Jenny setzte sich vor das Keyboard. "Hast du schon mal versucht, die Datei zu löschen?"
"Nein, wieso?"
"Ich meine, wenn man den Befehl ‚Löschen' eingibt, dann erscheint eine Liste aller Dateien auf der Diskette. Welche du löschen willst, kannst du dann immer noch entscheiden."
"Auf die Idee bin ich noch nicht gekommen", sagte Zappa. "Aber versuch's mal!"
"Wenn die Diskette jedoch auf einem völlig fremden System geschrieben wurde, kann unser PC sie nicht lesen", murmelte Jenny und gab den Befehl ‚Löschen' ein.
Mit einem Mausklick rief sie die Liste der vorhandenen Dateien auf. Der Monitor blieb dunkel, doch plötzlich erschien tatsächlich ein Dateiname: DARK.
"Bingo!" Jenny lächelte.
"Unglaublich!" Zappa schaute sie bewundernd an. "Du hast es geschafft. Wir sind drin!"
"Noch nicht ganz", erwiderte Jenny. "Schreib den Namen auf. Wir müssen ihn nachher manuell eingeben, um die Datei zu öffnen."
Jenny machte die Löschaufforderung rückgängig. Dann öffnete sie unter "Datei" das Menü und öffnete die Datei mit dem Namen "DARK". Der Bildschirm blieb trotzdem dunkel.
"Das versteh' ich nicht", seufzte Jenny. "Wir waren so nah dran."
"Vielleicht gibt es einen Schatten-Code", vermutete Zappa.
"Einen was?", fragte Sara, die alles mitverfolgt hatte.
"Ein zweites Codewort, das sozusagen im Schatten des ersten Codewortes verborgen liegt", erklärte Zappa. "Ein geheimer Unterbefehl. Ich schlage vor, darum kümmern wir uns in den nächsten Tagen."

Die Tele-Bande verließ das Baumhaus. Hassan und die Zwillinge gingen nach Hause. Jenny wollte noch Schulaufgaben machen. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten dauernd um die geheimnisvolle Diskette. Später am Abend konnte sie der Versuchung nicht widerstehen und ging noch einmal ins Baumhaus. Sie schaltete den Computer ein und versuchte den Code zu knacken. Doch auf dem Bildschirm erschien immer nur das Wort "DARK". Jenny spürte, wie es in ihrem Kopf zu hämmern begann. Je länger sie am Computer saß, desto heftiger wurden die Schmerzen. Gleichzeitig wurde ihr heiß und kalt.
Jenny hielt die Schmerzen nicht länger aus und taumelte benommen vom Computer weg. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie grelle Blitze. Jenny wankte zur Tür. Mit einer Hand tastete sie über die Holzwand, mit der anderen griff sie nach der Strickleiter.
Jenny vergaß, dass sie den Computer nicht ausgeschaltet hatte. Sie wollte gerade die Strickleiter hinabsteigen, als etwas dicht über ihren Kopf hinwegrauschte. Vor Schreck hätte Jenny beinahe das Gleichgewicht verloren.
"Verflixt, Tattoo!", schimpfte Jenny. "Du hast mich vielleicht erschreckt!"
Tattoo umkreiste das Baumhaus. Der Geier flog noch einmal über Jenny hinweg. Dann ließ er sich auf dem Dach des Baumhauses nieder.
Jenny kletterte die Strickleiter hinab und verschwand in der Villa. Als sie im Bett lag, ließen die Kopfschmerzen nach. Unruhig schlief sie ein. Im Park war Tattoo noch wach. In dieser Nacht hörte er merkwürdige Geräusche. Sie kamen aus dem Baumhaus.
Das Gebläse des laufenden Computers störte Tattoos Nachtruhe. Verärgert flatterte der Geier zu einem Baum neben der Villa. Hier nervte der Computer nicht mehr. Der Vogel machte es sich bequem und steckte den Kopf unters Gefieder. Jetzt konnte ihn nichts mehr vom Einschlafen abhalten.
Und so bemerkte er nicht, wie jemand lautlos durch den nächtlichen Park huschte...

Bei nicht Java-fähigen Browsern bitte diese Buttons benutzen: