9.
GESCHICHTE
Geistesblitze im Unterricht
Ketchup trifft Bille in völliger
Verwirrung und größter Panik an. Sie ist ein Bild des Jammers. Aschfahl,
hohlwangig, die Haare verklebt. Das arme Kind ist nicht mehr in der
Lage, einen zusammenhängenden Satz zu sprechen. Fahrig blättert sie
in Schulbüchern. Mit tränenerstickter Stimme murmelt sie: "Ichschaffdasnichtichschaffdasnicht."
Erst fürchtet Ketchup, Bille sei infolge des Fernsehens ein bißchen
’Gaga’ geworden. Kommt ja vor.
Doch Bille erklärt ihm, dass sie morgen eine ganz schwere Rechenaufgabe
an der Tafel lösen müsse. Und wenn sie das nicht schafft, dann gibt
es einen blauen Brief nach Hause. Fest entschlossen, die ganze Nacht
durchzubüffeln, geht Bille mit einem Stapel Mathebücher zu Bett. Sie
schläft damit auf der Stelle ein.
Am anderen Morgen hat Ketchup eine Idee. Er verwandelt sich einfach
in einen Tafelschwamm. Geister können das. Geht ganz einfach. Man
muss nur wissen, wie's geht. Als Schwamm getarnt will Ketchup Bille
an der Schultafel alles vorsagen. Ketchup ist mächtig aufgeregt. Endlich
hat er einmal Gelegenheit, den modernen Schulbetrieb hautnah mitzuerleben.
Nach allem, was Ketchup so von Bille gehört hat, ist die Schule so
eine Art moderne Folterkammer, in der sogar ein Geist eine Gänsehaut
bekommt. Endlich würde Ketchup herausfinden, woher die merkwürdige
Angst junger Menschen vor dem Unterricht kommt. Selbst wenn Bille
ihre Lieblingsserie in der Glotze guckt, beschleicht sie Unbehagen,
wenn das Wort ‘Schule’ fällt. Und wenn sie morgens ihre Schultasche
anfaßt, scheint es, als durchzucken sie schwere Stromschläge.
Ketchup verwandelt sich flux in einen schönen, großen Schwamm. Unauffällig
nimmt ihn Bille mit.
Auf dem Schulhof sind sie dann eingekeilt in einen Pulk zitternder
Ju-gendlicher, die alle in den Bildungsbunker drängeln. Dann folgt
ein schier endloser Marsch durch Korridore und Flure. Außerordentlich
verwirrend. Da muss man aufpassen, dass man jemals wieder rauskommt.
Unterwegs sind die Schüler den gnadenlos-grimmigen Drohungen aufsichtsführender
Lehrer ausgeliefert. In den Gängen herrscht eine düstere, beklemmende
Atmosphäre, wie Ketchup sie selbst in den finstersten Geistergrüften
nicht erlebt hat. Echt wahr. Das gefällt ihm. Das hat Klasse. Das
hat Rasse und muffigen Stil. Ketchup ist tief beeindruckt.
Wenig später kuschelt er sich als Schwamm behaglich auf der Ablage
der großen Tafel an der Stirnseite der Klasse. Geduldig harrt er der
Dinge, die da kommen würden. Von hier aus hat Ketchup alles im Blickfeld.
Dumpfe Spannung liegt in der Luft. Die nägelkauenden Schüler sind
das Opfer banger Sorge, ob sie nun der Lehrerin aufgerufen werden
oder verschont bleiben. Bille hat Ketchup einmal verraten, dass diese
Pädagogen ein besonders raffiniert ausgeglügeltes System besitzen,
mit dem sie treffsicher immer genau jene Schüler herauspicken, die
ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Wahrscheinlich ist ‘Hellsehen’
Pflichtfach für alle Lehramtskandidaten.
Bille seufzt tief, als sie an ihrem Pult Platz nimmt. Kurz nach acht
Uhr erzittert der Boden. Die Lehrerin, Fräulein Kreuzbrecher, marschiert
in den Raum. Unwillkürlich tasten sie Ketcups Blicke nach schweren
Waffen ab. Fräulein Kreuzbrecher sieht aus, als sei sie fähig, dem
schlimmsten Höllendämon beizubringen, bei Mahlzeiten ein Schlabberlätzchen
zu tragen. Unter ihrem massigen Gewicht ächzt der Dielenboden. Schwer-fällig
watschelt sie an Ketchup vorbei.
"RUHE! SETZEN!" keift sie.
Ihre grimmige Miene verrät nichts Gutes. Ein endloser Wortschwall,
der erbarmungslos an den Nerven zerrt, überflutet die geduckten Schüler.
Fräulein Kreuzbrechers Stimme schraubt sich in kreischende Höhen.
Die Schüler zucken zusammen, als bohrten sich Schaschlikstäbchen in
ihre Trommelfelle. Selbst wenn man sich die Ohren zuhält, kann man
sich nicht der Gegenwart der Peinigerin...äh, Pädagogin, entziehen.
So eine ist die. Drohend schweift ihr Blick über die Schüler. Jeder
duckt sich hinter dem Rücken seines Vordermannes. Als die Lehrerin
Bille zur Tafel ruft, steht in dem sonst so fröhlichen Gesicht des
Mädchens alles Leid dieser Welt.
Von dunklen Vorahnungen des sicheren Versagens gepeinigt, kommt Bille
auf Ketchup zu. Leider muss sie zur Seitentafel. Auf diese Weise erreicht
Ketchups Flüstern unmöglich ihr Ohr. Billes Schicksal scheint besiegelt.
Mit zittriger Hand kritzelt sie zusammenhanglos Zahlen auf die Tafel.
Irgendwann reißt Fräulein Kreuzbrecher der Geduldsfaden. Wütend greift
sie nach Ketchup...äh, dem Schwamm. Damit will sie Billes mathematisches
Chaos vom Angesicht der Schultafel tilgen.
"Finger weg, oder ich spritze dir eine Ladung Wasser in die Augen,
dass dir die Netzhaut stiftengeht!" droht Ketchup.
Fräulein Kreuzbrecher stößt vor Schreck einen Kiekser aus, hüpft zurück
und läßt Ketchup...äh, den Schwamm, zu Boden fallen. Die verwirrte
Pädagogin ringt sichtlich um die Fassung. Hochinteressant ist vor
allem das Farbenspiel auf ihren grobporigen Wangen: Es wechselt von
Lehrergrau nach Mangelhaftlila.
Fräulein Kreuzbrecher kommt zu dem Schluß, einer harmlosen Sinnes-täuschung
zum Opfer gefallen zu sein. Darum greift sie erneut nach Ketchup.
"IGITT! Hast du aber schmutzige Fingernägel!" bemerkt der.
Hastig zieht die Lehrerin ihre Hand zurück. Kein Zweifel: ein sprechen-der
Schwamm überfordert eindeutig ihre Vorstellungskraft. In Fräulein
Kreuzbrechers Gesicht zucken tausend außer Kontrolle geratene Nerven.
Nach Luft japsend, sinkt sie auf ihren Stuhl. Alle Augen in der Klasse
sind auf sie gerichtet.
Das gibt Ketchup Zeit für seinen nächsten Plan. Ohne dass es jemand
bemerkt, schlüpft er aus dem Schwamm. Flink flutscht er in Fußhöhe
in Fräulein Kreuzbrechers unförmige Gestalt. Als Geist paßt ihm deren
Körper wie angegossen. Bloß mit den hohen Absätzen kommt Ketchup nicht
zurecht. Dauernd knickt er um und fällt hin.
Nachdem er die hinderlichen Galoschen ausgezogen hat, zaubert Ketchup
erst mal ein breites, gutmütiges Lächeln in Fräulein Kreuzbrechers
von Zornesfalten zerfurchte Gesicht.
"Heute braucht ihr mal nichts zu tun", verkündet Ketchup mit Fräulein
Kreuzbrechers Stimme. "Ich gebe euch alle eine Eins."
Erst sind die Schüler baff. Dann breitet sich ohrenbetäubendes Freudengeheul
aus. Unter dem begeisterten Applaus der Schüler gibt Ketchup noch
einige seiner akrobatischen Glanzleistungen zum besten. Obwohl Fräulein
Kreuzbrechers voluminöser Körper für derartige Übungen nicht geschaf-fen
ist, gelingt ihm ein Handstand-Überschlag aus dem Stand. Besonders
sein anschließender Hechtsprung mit gezwirbeltem Kopfstand auf dem
Pult begeistert alle. Sehr interessant. Das hat keiner in der Klasse
erwartet.
Unter dem donnernden Beifall der Schüler verkündet Ketchup kopfstehend,
dass ab morgen ein Jahr Ferien sei. Mitten in diese Darbietung wird
die Klassentür geöffnet. Dem Rektor, der mit dem Schulrat eintritt,
bietet sich ein durchaus unerwarteter Anblick.
"Lassen Sie sich nicht stören, Fräulein Kreuzbrecher", sagt der Schulrat
zur kopfstehenden Pädagogin. "Mich interessiert nur der Verlauf einer
ganz normalen Fachstunde an dieser Schule."
Der Rektor blickt ganz komisch zur Lehrerin und fragt, ob sie ihren
Unterricht immer so abhalte. Der Schulrat hingegen findet diese ’revolutionäre’
Unterrichtsmethode großartig. Er meint, hier bemühe sich eine Pädagogin
um eine wirklich kindgerechte Art der Lehrstoffvermittlung aus einem
völlig neuen Blickwinkel.
Der Schulrat ist richtig nett. Das ist so bei Lehrern. Untereinander
tun die sich nämlich nix.
Ketchups Versuch, Fräulein Kreuzbrechers nilpferdartigen Körper wieder
in eine Normallage zu bringen, endet tragisch. Irgendwie bekommt er
beim Handstand in Rückenlage und kippt nach hinten. Das kann leicht
passieren.
Der Rektor hat an der Schule ja schon die dollsten Sachen erlebt,
aber das hier ist die dollste. Um ein Haar hätte ihn die Lehrerin
unter sich zermanscht. Nur durch einen bra-vourösen Sprung zur Seite
entgeht er knapp diesem Unglück. Das Opfer des kleinen Malheurs wird
der Schulrat. Ausgerechnet der Schulrat!
Mit Gebrüll bricht er unter Frau Kreuzbrecher zusammen. Der Schrei
ist so laut, dass die Deckenlampen runterfallen. Schließlich ist der
gute Mann von Beruf Schulrat und nicht Trampolin. Und eine zarte,
filigrane Gestalt besitzt Ketchups Lehrerinnenkörper auch nicht gerade.
Er hat eher etwas von einer übergewichtigen Dampfwalze an sich. Einige
Sekunden scheint die Zeit stillzustehen. Es sieht so aus, als will
der Rektor in Ohnmacht fallen. Schwankend wie ein Schilfrohr bei Windstärke
Neun steht er da und starrt auf den zappelnden Schulrat. Nach dem
ersten Schock erbarmt sich der Rektor und zerrt den armen Mann unter
Fräulein Kreuzbrecher hervor. Es kostet ihn Schweiß und überdehnte
Handgelenke.
Die Schüler nehmen an, das alles gehöre zu Fräulein Kreuzbrechers
geplanter Vorstellung und biegen sich vor Lachen.
Als Ketchup aufsteht, um den Unterricht fortzusetzen, flüchten Rektor
und Schulrat mit heiserem Geschrei zur Tür hinaus.
Ketchup trägt Bille noch eine ’Eins’ für ihre rechnerische Leistung
ins Klassenbuch ein und geht raus.
Auf dem Schulhof verläßt Ketchup heimlich Fräulein Kreuzbrechers feisten
Lehrkörper. Seit der Sache mit dem sprechenden Schwamm kann die sich
an nichts mehr erinnern. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt sie
zum Schulgebäude zurück und hält sich den Rücken. Was für ein tierischer
Muskelkater!
"Was ist bloß passiert?" murmelt sie ratlos.
Am Eingang der Schule stößt sie beinahe mit dem Rektor und dem Schulrat
zusammen. Ist aber nix passiert. Wirklich nicht. Trotzdem ergreifen
die beiden Kerle bei ihrem Anblick sofort die Flucht. Für ihr Alter
sind die zwei ordentlich fix. Von Panik beflügelt, klettern sie den
nächstbesten Laternenpfahl hinauf.
Ketchup findet dieses Benehmen äußerst kindisch. Naja, man kennt sie
ja diese Pädagogen: ein skurriles, eigensinniges, unbelehrbares Völkchen.