1. Drei Wünsche
Hatte da jemand ihren Namen
geflüstert?
Betty Jo öffnete die Augen. Erdrückende Dunkelheit wie in einem Sarg
umhüllte sie.
Die Flüsterstimme rief sie wieder. "Betty Jo..."
Sekundenlang lauschte Betty Jo angestrengt. Vielleicht waren das Wispern
und Raunen ja nur Einbildung gewesen. Denn jetzt hörte sie nichts
als den anschwellenden Sturm, der draußen um das Haus strich. Der
Wind schlug, peitschte und hämmerte, dass die Fensterläden ächzten.
Er heulte im Kamin wie eine verlorene Seele. Regen ergoss sich auf
das Dach und rann in Kaskaden an den Fensterscheiben herunter.
Der Bungalow, in dem Betty Jo mit ihren Eltern wohnte, war massiv
genug gebaut, dass sie eigentlich keine Angst vor einem Sturm zu haben
brauchte. Trotzdem lag die sechszehnjährige mit offenen Augen und
wild pochendem Herzen in ihrem Bett. Sie wünschte sich nichts sehnlicher,
als dass das Unwetter endlich vorbei sein würde.
Ein greller Blitz zerriss die Finsternis. Betty Jo zuckte unwillkürlich
zusammen. Der Donner hallte wie eine Totenglocke über Baskerville
County, einem verschlafenen Nest im südlichen Teil von Massachusetts.
Betty Jo hätte wirklich alles dafür gegeben, damit der Sturm endlich
aufhörte. Oder wenn wenigstens die Nacht vorbei wäre und der Tag anbrechen
würde. Noch während sie diesen Wunsch im Kopf formulierte, wusste
sie genau, dass er sich nicht erfüllen würde.
Wünsche wurden nie wahr - jedenfalls nicht die wirklich wichtigen.
Weihnachts- und Geburtstagswünsche zählten nicht. Das waren ja eigentlich
keine richtigen Wünsche, sondern mehr eine Art abgekartetes Spiel.
Nein, richtige Wünsche waren die, deren Erfüllung man echt brauchte,
wenn's darauf ankam. Zum Beispiel einen Anfall von Übelkeit oder ein
plötzliches Feuer, die einen vor einer vernichtenden Mathematikarbeit
retten konnten. Während sich Betty Jo in ihrem Bett hin und her wälzte
und über Sinn und Unsinn von Wünschen grübelte, fiel ihr Blick plötzlich
auf das Fenster.
Ein greller Blitz zeichnete die Silhouette des Baumes ab, der vor
ihrem Fenster stand. Seine Äste kratzten unablässig an der Hauswand.
Auf einem Zweig direkt vor der Fensterbank hockte eine Krähe. Ihr
Federkleid war so schwarz wie die Nacht und ihre Augen glühten grünlich.
Betty Jo dachte bei ihrem Anblick unwillkürlich an das leuchtende
Zifferblatt ihrer Uhr. Der spitze Schnabel des Tieres glitzerte wie
Metall.
Vor Schreck stockte dem Mädchen der Atem. Obwohl die Dunkelheit die
Krähe wieder verschluckte, wusste das Mädchen, dass der Vogel noch
da hockte und sie anstarrte. Im Zimmer brannte kein Licht. Aber es
war noch längst nicht so dunkel, dass Betty Jo die formlosen Schemen
übersehen hätte, die sich im Zeitlupentempo zu den Konturen eines
hochgewachsenen Mannes verfestigten.
Betty Jo zuckte unwillkürlich zurück und prallte mit dem Rücken gegen
die Wand. Für einen schrecklichen Augenblick hatte sie das Gefühl,
als wehe ein eisiger Wind durch ihr Zimmer, der einen fauligen Geruch
mit sich führte.
"Hallo, Betty Jo", sagte der Mann mit ölig-freundlicher Stimme. "Ich
freue mich deine Bekanntschaft zu machen."
"Wer sind Sie?", keuchte das Mädchen.
"Mein Name ist unbedeutend" wich der Fremde ihrer Frage aus. "Viel
interessanter dürfte es für dich wohl sein, was ich dir anbieten kann."
Betty Jo schluckte mehrmals und fand dann endlich die Sprache wieder:
"Wie sind Sie hier hereingekommen? Sind Sie ein Einbrecher? Ich warne
Sie, ich rufe um Hilfe. Nebenan schlafen meine Eltern."
"Keine Angst, ich tue dir nichts!", flüsterte der Fremde mit hoher
Singsang-Stimme und schüttelte den Kopf. "Ganz im Gegenteil. Ich bin
hier, um dir etwas zu bringen. Schließlich hast du mich doch gerufen."
"Das ist nicht wahr!", widersprach sie hektisch. "Wenn Sie nicht sofort
verschwinden, schreie ich!"
"Weißt du, im Leben gibt es Chancen, die man nur ein einziges Mal
bekommt", fuhr der hagere Mann unbeirrt fort. "Deswegen sollte man
sie nicht unüberlegt ablehnen. Wolltest du nicht, dass sich deine
Wünsche erfüllen?"
"Woher wissen Sie das?" Dem Mädchen wurde es unheimlich zumute.
"Das tut nichts zur Sache", wich der Fremde erneut aus. "Ich finde,
unerfüllte Wünsche bei einem Mädchen wie dir sind etwas ganz Schlimmes.
So etwas sollte nicht sein. Deswegen bin ich besonders froh, dass
ich dir helfen kann, wenn du möchtest. Nur zu, wünsche dir, was immer
du willst. Drei Wünsche werden dir erfüllt... gegen einen geringen
Preis."
"Für welchen Preis?", fragte sie verwirrt. "Ich habe kein Geld."
"Geld interessiert mich nicht", antwortete der geheimnisvolle Unbekannte.
"Alles, was ich will, ist deine Seele."
"Meine Seele?", wiederholte Betty Jo irritiert. "Aber...?"
"Keine Bange, es tut nicht weh, wenn ich sie dir wegnehme", erklärte
der Fremde. "Und du wirst auch keinen Unterschied zu vorher spüren.
Überlege es dir. Du brauchst mich nur zu rufen, wenn du den Pakt eingehen
möchtest."
Ein greller Blitz erhellte das Zimmer. Für einen Sekundenbruchteil
konnte Betty Jo das Gesicht des Besuchers sehen. Es glich einer zerknitterten
Pergamentmaske, die von langen bleichen Haarsträhnen umrahmt wurde.
Ein geheimnisvoller grünlicher Glanz loderte unstet in den tief eingefallenen
Augen. Einen flüchtigen Augenblick lang verschmolzen die Konturen
des Mannes mit den Schatten des Zimmers. Dann war der Fremde verschwunden
wie ein böser Traum.
Wieder toste eine Sturmböe, in der die Zweige des Baumes gegen die
Hauswand hämmerten. Ein fürchterlicher Blitz schlug in den Wipfel.
Der ohrenbetäubende Donnerschlag folgte sofort. Vor Schreck zog Betty
Jo das Laken über ihren Kopf. Allmählich verebbte der Regen.
Gegen Morgen grollte Donner nur noch in der Ferne und war schließlich
gar nicht mehr zu hören. Trübgraues Licht sickerte matt durch die
Fenster in das Zimmer. Eine unnatürliche Stille lag über dem Haus,
als hielte es den Atem an.
Betty Jo erwachte, weil sie so heftig zusammengezuckt war, dass die
Bettdecke auf den Boden fiel. Benommen sah sie sich um. Langsam kehrte
sie aus dem Traumreich in die Wirklichkeit zurück. Sie zwinkerte und
rieb sich die brennenden Augen. Nur noch schemenhaft erinnerte sie
sich an den Traum von dem nächtlichen Besucher in ihrem Zimmer. Umständlich
schwang sie sich aus dem Bett. Sie war immer noch nicht ganz wach.
Das Mädchen trat ans Fenster und warf einen Blick in den Garten hinter
dem Haus. Im Gras lag ein verkohlter Ast, den der Blitz von der alten
Eiche abgeschlagen hatte. Der Rasen bot ein heilloses Durcheinander
aus zerschmetterten Zweigen, Laub und Müll, der aus der umgekippten
Mülltonne stammte.
Betty Jo wünschte, sie würde sich nicht so zerschlagen fühlen. Aber
auch dieses Anliegen würde wohl unerfüllt bleiben. Warum sollte es
ihm anders ergehen als den Wünschen zuvor? Nicht, wenn du es dir von
ganzem Herzen wünschst und breit bist, alles - wirklich alles - zu
geben! vernahm sie plötzlich in ihrem Kopf. Hatte sie das wirklich
gedacht? Vielleicht - vielleicht auch nicht. Oft formulierte das Gehirn
ja Gedanken, ohne dass man es bewusst wollte. Manchmal konnte man
auf diese Weise regelrecht Gespräche mit sich selbst führen. Als ob
so eine Art Geist in einem lebte. Schon bei dem Gedanken lief es ihr
eiskalt den Rücken herunter.
"Wünsche werden erfüllt!", wisperte die fremde Stimme wieder in ihrem
Kopf. "Du musst es nur mehr wollen als alles andere auf der Welt!"
Wahrscheinlich war das Wispern nur Einbildung. Ihr übermüdetes Gehirn
gaukelte Betty Jo etwas vor. Aber trotzdem beschlich sie ein echt
ungutes Gefühl. Sie schlurfte noch etwas benommen ins Bad und spähte
über den Rand ihrer Brille in den Spiegel. Ein verquollenes Augenpaar
spähte zurück. Zu allem Überfluss bildete sich auf ihrer Nasenspitze
auch noch ein Pickel von der Größe des Vesuvs.
"Na prima", seufzte sie. "Einen Schönheitspreis gewinne ich mit diesem
Gesicht heute nicht, das steht jedenfalls fest."
Betty Jo fuhr sich mit der Hand durch ihre langen, blonden Haare und
gähnte ausgiebig. Nein, einen Schönheitspreis würde sie weder heute
noch in einer Million Jahren gewinnen. Es sei denn, hässliche Teenager
entsprächen dem neuen Schönheitsideal. Außerdem war sie ziemlich mollig.
Ziemlich mächtig mollig. X-mal hatte sie sich schon fest vorgenommen,
ein paar Kilo abzunehmen. Bis jetzt war es leider immer nur bei diesen
guten Vorsätzen geblieben. Ihr morgendlicher Gang zur Waage glich
jedes Mal einer Mutprobe. Auch der heutige Tag fing nicht besonders
vielversprechend an. Laut Skala hatte sie ein Pfund zugenommen. Na
ja, die Waage zeigte immer etwas zu viel an - hoffte Betty Jo jedenfalls.
Das wäre an und für sich noch nicht einmal so schlimm gewesen. Aber
der Gedanke an das Herbstfest an der Liberty High School am Ende des
Monats ließ jedes Pfund zu viel zu einer fleischgewordenen Katastrophe
mutieren. Bei der Vorstellung, als einzige ohne Freund auf der Party
aufzukreuzen, wurde ihr speiübel.
Betty Jo wünschte inständig, es gäbe einen Knall und im Vergleich
zu ihr würde ein Supermodel wie eine vertrocknete Kartoffel aussehen.
"Kein Problem!", hallte wieder die gedämpfte Stimme in ihrem Kopf.
"Du musst es nur mehr wollen als alles andere auf der Welt!"
Sie zuckte unwillkürlich zusammen und hielt den Atem an. Wie betäubt
stand sie da. Irgendwo im tiefsten Innern ihres Kopfes vernahm sie
ein leises, spöttisches Kichern. Minutenlang verharrte das Mädchen
regungslos und lauschte nach der fremden Flüsterstimme. Sie hörte
nur ein Klicken. Mit leisem Quietschen öffnete sich die Badezimmertür.
Vor Schreck hätte sich Betty Jo fast den Nackenwirbel verrenkt, als
sie sich zur Tür umdrehte.
"Betty Jo!", sagte ihre Mom mit vorwurfsvollem Unterton. "Träumst
du schon wieder mit offenen Augen? Beeil dich! Sonst kommst du zu
spät zur Schule!"
Beth, Betty Jos Mom, trug einen Morgenmantel. Ihre schulterlangen
Haare hatte sie zur Seite frisiert. Trotz ihrer fünfundvierzig Jahre
sah sie im Gegensatz zu ihrer Tochter umwerfend aus: Beth war schlank,
sie hatte große, dunkelblaue Augen und eine makellose Haut.
"Ja, Mom", stotterte Betty Jo mit gepresster Stimme und bleichem Gesicht.
"Ich bin gleich fertig."
Betty Jo duschte, schlüpfte in ihre Kleider und ging in die Küche.
Dort war ihre Mom am Werk. Geschirr klapperte. Während Beth Teller
aus dem Schrank nahm, sprach sie in den Telefonhörer, den sie zwischen
Ohr und Schulter geklemmt hatte. Ihren Dad Ralph hatte Betty Jo seit
Jahren nicht mehr gesehen. Er saß zwar wie jeden Morgen am Frühstückstisch,
verbarg sich aber wie immer hinter dem aufgeschlagenen Wall Street
Journal und studierte hingebungsvoll die Börsenkurse. Von Beruf war
Ralph Börsenmakler. Er arbeitete in Sutherbrooks, etwa dreißig Meilen
von hier, in einer Bank. Mit seinem schmalen Gesicht, dem schütteren
Haar und den zentimeterdicken Brillengläsern glich er einem Professor
aus einem Comicheft.
"Guten Morgen, Dad", begrüßte Betty Jo ihren unsichtbaren Dad.
"Morgen Kleines", kam es auch prompt hinter der Zeitung hervor.
‚Kleines'! Betty Jo hasste es, wenn ihr Dad sie so nannte. Wahrscheinlich
hatte er sie das letzte Mal bei ihrer Taufe richtig angeschaut.
"Was war das letzte Nacht für ein Unwetter!", meinte er. "Unser Garten
gleicht einem Katastrophengebiet. Der Blitz hat in die Eiche geschlagen."
"Hab' ich dir nicht immer schon gesagt, du sollst sie fällen?", sagte
Beth. Sie setzte sich an den Tisch, salzte das Spiegelei auf ihrem
Teller und verquirlte es. Betty Jos Entschluss, an diesen Morgen auf
Eierkuchen und Milch zu verzichten, hielt etwa 13,5 Sekunden lang.
"Liebling, warum guckst du denn so traurig?", erkundigte sich Beth
besorgt. "Schmecken dir die Pfannkuchen etwa nicht?"
"Doch, schon", druckste ihre Tochter herum. "Das ist es ja gerade,
was mich zur Verzweiflung bringt."
"Verzweifelte Teenager", seufzte Ralph und blätterte die Zeitung um.
"Gibt es auch noch eine andere Sorte?"
"Muss los!", sagte Betty Jo schnippisch. Sie schnappte sich noch einen
Pfannkuchen und ihr Pausenbrot. Dann gab sie ihrer Mom einen flüchtigen
Kuss auf die Wange und huschte in ihr Zimmer. Sie nahm ihre Schulbücher
und verließ im Laufschritt den Bungalow.
Die späte Jahreszeit hatte die Landschaft verändert. Knorrige Bäume,
die den Weg säumten, trugen flammrotes und gelbes Laub. Über dem Gras
hingen bleiche Nebelfäden. Auf einem Ast hockte eine Krähe und zupfte
an ihrem Gefieder. Beim Anblick des Vogels befiel Betty Jo ein beklemmendes
Gefühl. Sie machte einen Abstecher zu Haus der Ashleys.
Veronika Ashley war Betty Jos beste Freundin und eine echte Schönheit.
Sie war einen Kopf größer als Betty Jo und hatte eine sexy Figur.
Langes rotbraunes Haar wallte in dicken Locken bis über ihre Schulterblätter
und rahmte ein makelloses Gesicht ein. Kurzum: Veronika war ungefähr
das genaue Gegenteil von Betty Jo. Sie brauchte bloß mit dem Finger
zu schnippen und schon lag die halbe Footballmannschaft zu ihren Füßen.
Betty Jo dagegen konnte so viel schnippen, wie sie wollte, die Jungs
machten einen Riesenbogen um sie. Oh ja, bei Jungs war sie total abgemeldet.
Jedenfalls waren die beiden Freundinnen der lebende Beweis dafür,
dass sich Gegensätze anziehen.
Das Haus der Ashleys stand in einer ruhigen Seitenstraße, die von
Kastanienbäumen gesäumt war, in einem der besseren Wohnviertel von
Baskerville County. Es war modern und hatte an der Nordseite ein großes
Panoramafenster und einen Kamin aus Bruchsteinen. Wie jeden Morgen
kurz vor acht Uhr stand Betty Jo auf der Türschwelle der Ashleys.
Und wie jeden Morgen war Veronika noch nicht fertig. Jedesmal, wenn
Betty Jo das Haus betrat, war es ihr ein wenig seltsam zumute.
Das Wohnhaus der Ashleys war das einzige Haus mit Klimaanlage, das
sie kannte - abgesehen von den Kaufhäusern in der Mall. An diesem
Morgen dauerte es keine fünf Sekunden, bis Betty Jo sich wünschte,
sie hätte das Haus ihrer Freundin heute nicht betreten. Denn die versuchte
gerade ihren Eltern zu erklären, weshalb sie gestern erst nach Mitternacht
zu Hause eingetrudelt war. Ein Blick in Veronikas Gesicht genügte,
und Betty Jo wusste, dass ihre Stimmung ziemlich nahe der Verzweiflung
war.
"Du weißt genau, dass du spätestens um zweiundzwanzig Uhr zu Haus
zu sein hast!", sagte Mr. Ashley scharf. "Du bist erst sechszehn und
somit minderjährig!"
Die so Gescholtene antwortete nichts, sondern zog ein bockiges Gesicht.
"Und wenn du uns nicht endlich verrätst, wo du so lange gewesen bist,
bekommst du eine Woche Hausarrest!", drohte Mrs. Ashley.
"Ich war bei Betty Jo", antwortete ihre Tochter prompt.
Betty Jo erschrak bis in die Haarspitzen. Das war eine glatte Lüge.
"Äh....", stotterte sie aufgeregt. "Es ist schon spät. Wir sollten
los, sonst kommen wir zu spät zum Unterricht."
"Betty Jo!" Mr. Ashleys Stirnadern schwollen gefährlich an. "Stimmt
das?"
Betty Jo wich automatisch einen Schritt zurück. Der Familienzwist
war so unerwartet wie ein Orkan aus heiterem Himmel über sie hereingebrochen.
Ihre Kinnlade fiel herunter, aber vor lauter Schock bekam sie keinen
Ton heraus.
"Hab' ich es mir doch gedacht!", fuhr er seine Frau an. "Deine Tochter
lügt wie gedruckt!"
"Meine Tochter?", fiel ihm die Beschuldigte ins Wort. "Erlaube mal,
aber ich glaube, ein ganz kleines bisschen hast du auch damit zu tun."
"Nun sag doch endlich auch mal was, Betty Jo!" Veronika bekam hektisch
rote Flecke im Gesicht. "Wir haben doch zusammen für die Mathearbeit
heute gelernt, oder?"
Das war die Frage, die sie gefürchtet hatte. PENG!
Alle schauten sie erwartungsvoll an. Betty Jo warf einen Blick zur
Decke und hoffte auf göttlichen Beistand. Es dauerte schätzungsweise
ein bis zwei Erdumdrehungen, ehe sie eine Antwort zustande brachte:
"Äh...ja. Wir haben gelernt. Mathe."
"Jetzt lüg' uns nicht auch noch an", kanzelte Mr. Ashley sie runter.
"Das fass' ich nicht! Da will man mal lernen und ihr lasst einen nicht!"
Veronikas Wut war jetzt nicht mehr zu bremsen. "Alles, was ich will,
sind gute Noten. Vor lauter Lernen ist es gestern etwas spät geworden.
Na und? Ist euch das noch nie passiert? Ruft doch bei Betty Jos Mutter
an, wenn ihr eurer eigenen Tochter nicht traut!"
Der plötzliche Wutausbruch ihrer Tochter brachte Mr. und Mrs. Ashley
völlig aus dem Konzept. Ehe sie sich von ihrer Verblüffung erholt
hatten, schnappte sich Veronika die Schulbücher, verließ mit ihrer
Freundin im Schlepptau das Haus und trat auf die stille Straße hinaus.
"Sag mal, ist mein Haar vielleicht schlohweiß geworden?", erkundigte
sich Betty Jo unterwegs.
"Nein, wieso?"
"Vor Aufregung. Wenn du mich noch einmal in deine Lügengeschichten
reinziehst, werde ich zur Furie."
"Gelogen? Wer hat denn hier gelogen?"
"Du! Jedenfalls warst du gestern Abend nicht bei mir."
"Sehr gut! Scharf beobachtet! Nein, ich war nicht bei dir. Aber Nachhilfeunterricht
hatte ich trotzdem."
"Ach ja? Und bei wem, wenn ich fragen darf?"
"Bei Johnny."
"Johnny?"
"Ja, bei Johnny!"
"Und was bitteschön hat der dir beigebracht? Etwa Tanzen?"
"Fast. Küssen!"
"Als ob du darin Nachhilfe brauchst."
"So ist das nun mal im Leben: Man lernt nie aus."
"Und was ist, wenn deine Mom meine Mom anruft?"
"Null Chance. Die beiden können's nicht gut miteinander. Ich vermute,
die sind sich früher mal wegen irgendwas in die Haare gekommen. Keine
Ahnung. Jedenfalls würde meine Mom deine genauso wenig anrufen wie
umgekehrt. Auch wenn's keine zugeben würde, ist es denen wohl ein
Dorn im Auge, dass wir befreundet sind."
Sie bogen auf den Pausenhof der Liberty High School. Das Schulgebäude
war alles andere als einladend oder anheimelnd. Es war uralt und hatte
dunkle Korridore und muffige Klassenzimmer. Gerade läutete es zur
ersten Stunde. In der Eingangshalle fragte Ashley, ob sie die Hausaufgaben
für Mathe abschreiben dürfe. Sie gingen einen langen, dunklen Korridor
hinunter. Schüler liefen hin und her und verschwanden in den Klassenräumen.
Während Betty Jo mit leicht nach außen stehenden Füßen eher watschelte,
schritt Veronika mit wiegenden Hüften wie ein Model auf einem Laufsteg
daher.
"Hier!" Betty Jo kramte ihr Matheheft heraus und gab es ihrer Freundin.
"Wiedersehen macht Freude."
"Danke", sagte Veronika mit ihrer samtweichen Stimme. "Ich schreibe
es in der ersten Stunde unter der Bank ab. Eigentlich wollte ich gestern
Abend noch Hausaufgaben machen, aber die Party ging bis in die Puppen
und danach war ich platt."
"So etwas kann mir nicht passieren", seufzte Betty Jo.
"Was?", wunderte sich Veronika. "Dass du mal keine Hausaufgaben machst?"
"Nein", antwortete sie. "Dass mich mal jemand zu einer Party einlädt."
"Ach komm!", lachte Veronika. "Wir gehen doch zusammen aufs Herbstfest.
Das ist abgemachte Sache."
"Klar!" Betty Jo zog einen Schmollmund. "Während du mit deinem Johnny
tanzt, spiele ich derweil das fünfte Rad am Wagen."
Wie aufs Stichwort kam Johnny Myers um die Ecke gerauscht und blieb
vor den Mädchen stehen. Veronikas und Johnnys Blicke trafen sich und
selbst Betty Jo spürte, wie Funken zwischen den beiden übersprangen.
Aber Johnny sah auch wirklich zum Anknabbern süß aus. Immer wenn Betty
Jo ihn anschaute, fingen in ihrem Bauch ein paar Schmetterlinge an
zu tanzen. Als Johnny Betty Jo ansah, spürte sie, wie sie heftig errötete.
Wenn er noch einen Schritt näher käme, würde sie ihre Arme nicht länger
unter Kontrolle halten können und ihm um den Hals fallen.
"Hi, Betty Jo", grüßte er sie beiläufig. Die brabbelte vor lauter
Aufregung etwas völlig Unzusammenhängendes. Sie versuchte es noch
einmal. Beim zweiten Mal hatte sie aber auch nicht mehr Erfolg und
wünschte mit aller Verzweiflung, sich auf der Stelle in Luft aufzulösen.
Johnny sah wirklich umwerfend gut aus. Er erinnerte sie an Leonardo
DiCaprio. Wie die meisten Mädchen in ihrer Klasse war sie seit Ewigkeiten
in Johnny verknallt. Aber im Gegensatz zu vielen anderen besaß sie
genügend Realitätssinn, um zu wissen, dass Traumboys nicht auf untersetzte,
verpickelte und pummelige Verliererinnen abfuhren. Außerdem waren
Johnny und Veronika seit über einem Jahr fest zusammen. Sie galten
als das absolute Traumpaar an der Liberty High.
Betty Jo merkte vage, dass Johnny etwas zu ihr gesagt hatte, aber
sie war mit ihren Gedanken Lichtjahre entfernt.
"Was?", fragte sie ihn.
"Ich habe gesagt, dass du ein paar Krümel zwischen den Zähnen hast",
wiederholte er mit dem charmantesten Lächeln der Welt.
Schlagartig kehrte Betty Jo in die Realität zurück. Bruchlandung auf
dem harten Boden der Tatsachen. Ihr wurde das breite Dauergrinsen
bewusst, das sie wohl schon minutenlang zur Schau trug.
"Krümel?", stotterte sie, kniff den Mund zusammen und verwünschte
ihre Mom, die ihr für die Pause Mehrkornbrötchen eingepackt hatte.
Während sie sich im Geiste ohrfeigte, machte Johnny eine lässige Handbewegung,
drehte sich um und ging weiter. Betty Jo watschelte in ihre Klasse.
Jeder klare Gedanke war aus ihrem Kopf wie weggeblasen.
‚Krümel!', hallte es ihr unentwegt durch den Schädel. Gleichzeitig
pulte sie pausenlos mit der Zunge zwischen den Zähnen, als ginge es
dabei um ihr Leben. Was für ein grauenvoller Tag. Betty Jo ahnte nicht,
dass ihr das Schlimmste heute noch bevorstand.