das plädoyer

heute: die freie und hansestadt quickborn gegen onno von norddeich, mittelständischer freibeuter

bei dem folgenden manuskript handelt es sich um die aufzeichnung des plädoyers eines als ´onno von norddeich´ bekannten piraten während seines verfahrens vor der dritten strafkammer des senates der freien und hansestadt quickborn vom 18.12.1634. die anklage lautete auf fortgesetzte freibeuterei, urkundenfälschung, kaffee-schmuggel, erpressung, scheckbetrug, mord und totschlag, beamtenbeleidigung, plünderung, brandschatzung, unlauteren wettbewerb, vergewaltigung, steuerhinterziehung, verstoß gegen das jugendarbeitschutzgesetz sowie ankern im absoluten ankerverbot. - übertragen ins hochdeutsche von frau professor anne-marie gospel-quinkert.

"hohes gericht, liebe geschworenen,
wir haben soeben die, ich möchte sagen, überspitzte und völlig einseitige darstellung des herrn staatsanwalts vernommen, in der er meine nunmehr fast zwanzigjährige tätigkeit als mittelständischer freibeuter zu beschreiben versucht; welche ignoranz, welche unkenntnis vom wesen unternehmerischer tätigkeit spricht aus dieser anklage!

hohes gericht, mein vater war ein schlichter, gottesfürchtiger schafhirte und teilzeitstrandräuber, der alleininhaber einer saisonabhängigen klitsche, ein echter self-made man, ohne feste mitarbeiter, ohne altersvorsorge, arbeitslosen- und krankenversicherung. er verstand sein handwerk, ohne jeden zweifel, aber aus flachbäuchigen schafen, mittellosen schiffbrüchigen und wasserleichen ist meist nicht viel herauszuholen.
nachdem mein vater dann den schritt in die selbständigkeit gewagt hatte, als vollzeitschmuggler und strandräuber, kam ich mit vierzehn zu ihm in die lehre, drei jahre ausbildung abseits von innung und kreishandwerkerschaft. ein wegeunfall bei wilhelmshafen kostete meinen vater das rechte auge und bei meiner abschlußprüfung musste ich, wegen verbrannter berichtshefte, den theoretischen teil wiederholen
dann, an meinem achtzehnten geburtstag, gründeten mein vater und ich eine gmbh, die jedoch gleich im ersten jahr ihres bestehens auf offener see durch ein expandierendes konkurrenzunternehmen liqudiert wurde.- nur dem dort herrschenden fachpersonalmangel hatten wir es zu verdanken, das wir bei dieser geschäftsauflösung nicht fischfutter wurden.

der wechsel von einzel- zu großhandel brachte allerdings auch vorteile mit sich. ich wurde assistent der geschäftsführung, erwarb das vertrauen des kapitäns und erhielt tiefe einblicke in die geheimnisse des freien unternehmertums, wie kalkulation, personalwesen, mitbestimmung, tarifgestaltung, rationalisierung sowie entern und plündern.
für meinen vater war die umstellung vom eigenverantwortlichen unternehmer zum quasi einfachen angestellten mit erheblichen anpassungsschwierigkeiten verbunden. und so verschwand er eines nachts mit einem geborgten rettungsboot, um, wie er sagte, irgendwo im einzelhandel wieder fuß zu fassen.

ich blieb an bord und erlebte in den folgenden jahren hautnah alle konjunkturschwankungen, die ein risikofreudiges und auf expansion bedachtes unternehmen durchmachen kann.- wir erzielten erhebliche gewinne, schufen rücklagen und wurden drei mal versenkt.

dann, nach knapp zwanzig jahren beschäftigung im angestelltenverhältnis, zum schluß als leiter der abteilung verkauf und erpressung, hatte ich endlich genug kapital abgezweigt, um auf eigenen füßen stehen zu können. dabei war ohnehin nur noch das rechte bein im original vorhanden; das linke ging zur hälfte bei einer missglückte lösegeldübernahme verloren und liegt seit jahren direkt vor lübeck auf grund, doch seitens der berufsgenossen-schaft wurde die anerkennung als berufsunfall verweigert. alles, was es gab, war ein second-hand holzbein aus krüppelkiefer.
ja, die ersten jahre waren hart; wir wurden von der konkurrenz gejagt und den kunden gemieden und es gab keinerlei kredite, keine abschreibungsmöglichkeiten, weder linear noch degressiv, und auch kein starthilfekapital für jungunternehmer. die einzigen, die sich um uns kümmerten, waren gewerbeaufsicht und tüv. ganz toll.

hohes gericht, jeder der sich das leben eines mittelständischen freibeuters als romatisch und von leichten erfolgen gekrönt vorstellt, der hat keinen schimmer von den gesetzen des freien marktes! die diskussion um flexible ladenschlußzeiten erübrigt sich in unserer branche, und die beiträge zur unfall- und pflegeversicherung sind exorbitant,- und dazu die ewigen konfrontationen mit personal und arbeitsämtern; denn trotz hoher arbeitshygiene werden kündigungsfristen selten eingehalten, per-sonalinvestitionen gehen oft binnen sekunden den bach runter, und auf die ersatzlieferungen vom arbeitsamt können sie pfeifen.

und dann natürlich der ständige ärger mit den hinterbliebenen, den bezahlt auch keiner. dabei habe ich die meisten jungs buchstäblich von der straße geholt und ihnen eine hochqualifizierte, krisensichere und persepktivenreiche ausbildung verschafft. aber wer, hohes gericht, erkennt diese investive leistung heute noch an? wer weiß denn, wieviel geschick nötig ist, um einen unsubventionierten betrieb über wasser zu halten, wer ahnt, wieviel schmerz und herzblut an jedem einzelnen werkzeug und arbeitsplatz hängen? keiner!

hohes gericht, meines erachtens stehen gerade bei firmen mittlerer größe risiko und profit nicht mehr in einem reelen verhältnis. in kleinbetrieben sind ausrüstungs- und unterhaltungskosten gering;- ein gutes auge, ein verschwiegenes plätzchen und eine solide keule reichen oft schon aus. zugegeben, das persönliche risiko ist beachtlich.
in großbetrieben sind die laufenden kosten zwar immens, die risiken der gesellschafter aber überschaubar. die guten sachen übernimmt man selbst, die unangenehmen delegiert man an fähige mitarbeiter, die im falle eines falles dann auch die rübe hinhalten.
ein mittelständischer unternehmer wie ich trägt beides, kosten und risiko. und obendrein ist gerade der mittelstand einem enormen konkurrenzdruck ausgeliefert. für die großen der branche sind wir selbst nur willkommene beute und die kleinen bemühen sich ständig, ihre marktanteile auf unsere kosten zu vergrößern, wir vom mittelstand hängen dazwischen wie der speck zwischen ratte und falle.
und noch eins, hohes gericht, - wann glauben sie, habe ich zum letzten mal urlaub gemacht? ich kann's ihnen sagen, vor zwölf jahren, vor genau zwölf jahren, eine woche bei meinem vetter erwin in aurich. und als ich zurückkomme, da lag meine gute ´annemarie´ gnadenlos auf grund, - vollkaskoschaden; aber die versicherung hat wegen trunkenheit am ruder natürlich keinen roten heller bezahlt. trunkenheit am ruder, und das war´s.

wenn sie mir jetzt, hohes gericht, wie der herr staatsanwalt fordert, zuerst die augen ausstechen und dann beide hände abhacken lassen, mir danach die haut bei lebendigem leibe abziehen, und mich zum schluß vierteilen, dann werden dutzende von erstklassig ausgebildeten facharbeitern in eine ungewisse zukunft entlassen, ohne umschulungsmaßnahmen oder vorruhestandsregelung. damit schaffen sie, meine damen und herren, unnötige soziale härten und rütteln an den eckpfeilern mittelständischen unternehmertums und damit am fundament unserer gesellschaft schlechthin.- und denken sie an die immensen steuerlichen verluste, die dieser stadt durch den unüberlegten vorschlag der anklage enstehen würden. hohes haus, herr vorsitzender, zeigen sie sich liberal, - geben sie gewerbefreiheit!"


wie aus der chronik der stadt quickborn hervorgeht, ließ das gericht auf grund dieser mannhaften und einleuchtenden rede die strafanträge gegen onno von norddeich wegen fortgesetzter freibeuterei, urkundenfälschung, kaffeeschmuggel, erpressung, scheckbetrug, mord und totschlag, beamtenbeleidigung, plünderung, brandschatzung, unlauteren wettbewerb, vergewaltigung, steuerhinterziehung und verstoßes gegen das jugendarbeitsschutzgesetz fallen.
wegen ankerns im absoluten ankerverbot verurteilte ihn allerdings die dritte strafkammer des senates der freien und hansestadt quickborn am valentinstag des jahres 1635 zu exakt 48 jahren und drei monaten galeerenhaft ohne bewährung.

Bei nicht Java-fähigen Browsern bitte diese Buttons benutzen: