8.
KAPITEL
Ein Porno-Star wird geboren
Nach
dem Essen verließen Stein und Konrad das Hotel und suchten eine Autovermietung
auf. Für 6000 Peseten mieteten sie einen Fiat Pinto. Damit fuhren
sie zuerst Richtung Flughafen und bogen in einem Kreisel Richtung
Santa Gertrudis ab. Nach wenigen Kilometern durchquerten sie eine
Idylle wie aus einem Reiseprospekt. Sie kurvten zwischen wellenförmig
verlaufenden sanften Hügeln an Olivenhainen und malerischen Bauernhäuser
vorbei. Konrad hatte eine riesige Karte ausgebreitet und deckte damit
fast die gesamte Windschutzscheibe zu. Obwohl er ihre Fahrtroute aufmerksam
studierte, verfranzten sie sich trotzdem zweimal.
Joschis Villa stand ziemlich abseits. Man erreichte sie nur über einen
schmalen, gewundenen Feldweg, der zu einer pinienbewachsenen Hügelkuppe
führte. Der Weg endete auf einer Lichtung. Umgeben von einer hohen
Mauer machte das Gebäude eher den Eindruck eines Schlößchens als den
eines Wohnhauses. Der Parkplatz beherbergte die teuersten Automodelle
der Welt. Zwischen all den Rolls Royces, Ferraris, Lamborghinis und
Bugattis entdeckte Stein Raquels verstaubten Fiat und parkte daneben.
Ein mit Marmor gepflasterter illuminierter Weg führte zum Haus. In
der Eingangshalle sprudelte ein künstlicher Wasserfall, der von Marmorstatuen,
die nackte Mädchen darstellten, gesäumt wurde.
„Was hast du gesagt, macht dieser Joschi beruflich?" erkundigte sich
Konrad völlig baff.
„Mäusemelkmaschinen", antwortete Stein, der nicht minder über den
sich ihm darbietenden Prunk staunte.
„Scheint ‘ne Menge Geld einzubringen", stellte Konrad fest.
„Scheint so", bestätigte Stein tonlos, fast wie in Trance.
Eine junge Dame im Badeanzug begrüßte sie und bat, ihr zu folgen.
„Ich bringe Sie jetzt in die Gästezimmer, wo Sie sich ausziehen können",
sagte sie. „Die Party findet im Garten hinter dem Haus statt."
„Ausziehen?" Da Stein auf diese Aufforderung nicht gefaßt war, starrte
er die Frau perplex an. „Wieso ausziehen?"
„Weil, wenn die Leute angezogen auf einer Nudistenparty erscheinen,
es keine Nudistenparty mehr ist", erwiderte sie mit charmantem Lächeln.
„Nudistenparty?" wiederholte Stein belämmert.
„Wo ist hier der Notausgang?" raunte Konrad ihm zu.
Stein blieb an einem Fenster stehen und startete in den Garten hinaus.
Die Fläche rings um einen riesigen Pool wurde von etwa drei Dutzend
Gästen frequentiert. Im illuminierten Pool badeten einige göttliche
Nymphen.
„Die sind tatsächlich alle nackt", stotterte Konrad heiser.
„Das sehe ich", entgegnete Stein düster.
„Zum Ausziehen brauchen Sie mich ja nicht mehr", verabschiedete sich
ihre Begleiterin. „Die Zimmer sind auf der gegenüberliegenden Seite."
Sie deutete auf zwei Türen und stöckelte wieder den Gang zurück.
„Was machen wir jetzt?" fragte Konrad irritiert.
„Was schon?" Stein wich langsam zurück.. „Wir verduften. Für meinen
Geschmack gibt es hier schon genug Fleisch. Da brauch ich meines nicht
auch noch zur Schau zu stellen. Ich bin nicht sonderlich erpicht auf
eine öffentliche Begutachtung meiner Privatsphäre."
„Nein!" Konrad erstarrte zur Salzsäule. „Ich bleibe!"
„Was ist?" fragte Stein überrascht.
„DAAAAA!" Konrad war völlig aus dem Häuschen. „Da beim Pool! Das ist
SIE! Die ZEEEeeeEEEhnnn!"
Obwohl sie nicht das atemberaubende grüne Minikleid trug - eigentlich
trug sie nichts, außer hochhackigen Pumps - erkannte Stein die Lady,
an deren Tisch Konrad im „Sydney" eingeschlafen war, trotzdem wieder.
Anscheinend war sie eine Verfechterin der Nacktkultur, denn ihr Körper
war nahtlos braun. Der Anblick ihrer makellosen Figur hätte einen
Eunuchen um die Fassung gebracht. Konrad glich einem Fuchs, der aus
Versehen in einen Hühnerstall geraten war.
„Und da hinten ist auch die mit dem Netzkleid", stellte Stein fest.
Mit leicht gespreizten Beinen stand die imposante Löwenmähnige neben
dem gleichfalls nackten Danny-De-Vito-Verschnitt. Ihre monströs aufgepumpten
Brüste standen waagerecht ab. Sie machte gerade eine Filmdiva-Kehre,
den Arm ausgestreckt, als ziehe sie eine lange Chiffonscherpe hinter
sich her.
Als Stein seinen Blick von dem ungewöhnlichen Schauspiel gelöst hatte
und sich nach Konrad umwandte, war der bereits in seinem Umkleidezimmer
verschwunden.
Stein grübelte kurz, was er tun sollte. Schließlich betrat er ein
kleines, spärlich eingerichtetes Zimmer. An den Wänden hingen massenhaft
Kleider an Haken. Eine Zeitlang überlegte Stein, ob er sich ausziehen
sollte. Er wollte seinen Körper eigentlich nicht so präsentieren.
Aber nackt unter Nackten, wer fiel da schon auf? Da würde er schon
eher in Kleidern aus der Rolle fallen. Es war schon erstaunlich, wie
schnell sich gesellschaftliche Normen ändern konnten.
Ihm fiel der Satz eines Philosophen ein, der da lautete: ‘Es ist besser
zu bereuen, was man getan hat, als zu bereuen, was man nicht getan
hat’.
Langsam zog er sich aus. Er legte Hemd, Hose, Unterhose und zum Schluß
die Socken über einen Hocker. Der Marmorboden war erstaunlich kalt.
Stein bekam eine Gänsehaut.
Splitterfasernackt spähte er vorsichtig aus der Tür, ob der Flur auch
leer war. Dann platschte er über den eisigen Marmor Richtung Gartenterrasse.
Aus einer luxuriösen Halle drang die Stimme eines Fernsehreporters.
Stein riskierte einen Blick durch die angelehnte Tür. Auf einem Sofa
saß Joschi und schaute sich - ebenfalls splitternackt - ein Fußballspiel
an. Sein mächtiger Bauch überdeckte seine Genitalien.
„Hi", grüßte Stein und trat ein.
„Hi", grüßte Joschi zurück und deutete erbost auf die Fußballer, die
über den Bildschirm huschten. „Diese elenden Flaschen. Verdienen jeder
über 500.000 Mark im Jahr und schaffen es nicht, diesen blöden Ball
in das elende Tor zu kicken."
„Tja..." Stein wußte nicht recht, was er darauf antworten sollte.
„Freut mich, daß ihr gekommen seid." Joschi griff nach einer Flasche
Chivas Regal und füllte sein Glas auf. „Amüsiert euch draußen bei
den Mädchen. Wenn ihr da keinen Anschluß findet, ist euch echt nicht
mehr zu helfen. Ich komm gleich nach."
Stein verzog sein Gesicht zu einem Grinsen und tapste nach draußen.
Als er noch einmal zurückschaute, sah er gerade noch, wie sich eine
nackte Frau rittlings auf Joschis Schoß niederließ. Es war Konrads
„Zehn".
Für Stein war es ein ungewohntes Gefühl, Gras unter den nackten Füßen
zu spüren. Genauso ungewohnt, wie in diesem paradiesischem Zustand
unbefangen Konversation zu führen. Am Pool begegnete er Konrad. Beide
bemühten sich so locker wie möglich die Peinlichkeit zu überspielen.
Obwohl das bei Konrad nicht so einfach war. Der pikante Charme seiner
grellweißen Hüftpartie stand in unübersehbarem Kontrast zu seinem
restlichen dunkelroten Körper. Lässig lehnte Konrad an einem Tisch,
als befände er sich auf einer ordinären Stehparty.
Als Konrad seine „Zehn" erspähte, errötete sich sein von weißen Rissen
durchpflügter Körper noch etwas mehr. Sie kam aus der Villa und steuerte
schnurstracks auf ihn zu.
Die Grazie hielt sich nicht mit langen Vorreden auf. Ihre Finger wanderten
über Konrads sonnenverbrannte Haut. Der zuckte entsprechend zusammen
und glotzte mit offenem Mund. Sie lächelte, nahm Konrads Hand und
zog ihn mit sich. Stein starrte ihnen offenmundig nach, bis sie in
der Villa verschwunden waren.
Zwischen all den völlig unbefangenen Nackedeis erblickte er Sylvie
und Raquel, die ihn nun auch bemerkten. Zu seinem Schrecken bemerkte
er noch etwas anderes: Die beiden waren die einzigen Angezogenen hier.
Schamhaft hielt Stein seine Hände vor sich. Sylvie lachte.
„Nun hab dich nicht so", meinte Raquel. „Wir haben schon mal einen
nackten Mann gesehen. Außerdem bist du nicht der einzige hier."
„Wie im Paradies", meinte Sylvie albern.
„Da wir schon mal beim Thema sind", nölte Stein. „Wieso lauft ihr
nicht im Evakostüm rum?"
„Weil wir arbeiten", antwortete Raquel wie aus der Pistole geschossen.
„Genau", pflichtete Sylvie ihr bei. „Zu unserem großen Bedauern dürfen
wir an den Festlichkeiten nicht teilnehmen."
„Ja, ja." Stein atmete tief durch. „Ist wirklich ganz nett hier. Auffallend
viele junge, attraktive Frauen hier."
„Ja, stimmt", stimmte Raquel ihm zu.
„Die Männer sind bei weitem nicht so gut gebaut und meist doppelt
so alt", fuhr Stein sinnend fort.
„Stimmt ebenfalls auffallend", meinte Sylvie. „Und was will uns das
sagen?"
„Na, wenn das nicht die große Liebe ist", resümierte Stein. „Warum
sonst würde eine zwanzigjährige Göttin sich mit einem abgeschlafften
Greis einlassen?"
„Tja, wenn man das so sieht", lachte Raquel.
„Na na", warf Sylvie ein. „Immerhin gibt es hier auch einige knackige
Mittvierziger."
„Stimmt", gab Stein zu. „Wahrscheinlich gehen ihre zukünftigen Freundinnen
momentan noch in den Kindergarten."
„Wo steckt eigentlich Konrad?" wunderte sich Sylvie.
„Vermutlich schwebt er gerade mit seiner Traumfrau auf Wolke Sieben."
Stein bemühte sich weiterhin um Haltung.
„Ach, er ist auch bei der Drehbuchkonferenz?" vermutete Raquel.
„Drehbuchkonferenz?" wiederholte Stein wie vor den Kopf geschlagen.
„Naja, wie man’s halt so nennt", relativierte Raquel. „Im Grunde geht’s
nur drum, wer wen, wann, wo wie bumst."
Stein öffnete den Mund, bekam aber keinen Ton raus.
„Jetzt sag bloß, Joschi hat dir nix gesagt", wunderte sich Sylvie.
„Was gesagt?" plapperte Stein wie betäubt. „Gibt es da was, was ich
wissen sollte?"
„Na ja, Joschi produziert Pornofilme", druckste Sylvie rum.
„Po...Po...?!" Stein blieb das Wort in der Kehle stecken. „Ich dachte,
er erfindet Mäusemelkmaschinen?"
Hätte Stein in diesem Moment einen grüngesprenkelten rosa Elefanten
aus dem Nichts erscheinen lassen, Raquel und Sylvie hätten nicht fassungsloser
dreingeschaut. Im nächsten Augenblick brachen sie in schallendes Gelächter
aus.
„Was denn?" rief Stein dazwischen. „Was denn? Das hat er mir doch
selbst gesagt."
„Hör mal!" Raquel wischte sich die Tränen ab und gluckste immer noch.
„Joschi produziert Pornos am Fließband, sonst nichts. Aber er nimmt
Leute gern auf den Arm. Wie gestern abend zum Beispiel, als er die
Dunkelhaarige aus dem Teatro abschleppte. Hast du nicht gesehen, wie
ich dir zugezwinkert hab?"
„Doch", antwortete Stein belämmert. „Aber warum?"
„Weil die Dunkelhaarige in dem durchsichtigen BH auch eine von Joschis
Darstellerinnen ist", erklärte Raquel. „Siehst du, da hinten steht
sie."
Stein drehte sich um und sah sie. Ohne ihren BH hätte er sie fast
nicht erkannt.
„Deshalb war es natürlich kein Wunder, daß sie mit Joschi wegging",
kicherte Sylvie albern.
„Na schön!" Stein atmete tief durch. „Wenn ich das also richtig verstehe,
dann dreht Joschi ab und an diese Filme hier in diesem Haus."
„Nicht ab und an", verbesserte Sylvie. „Heute abend wird gedreht."
„Und wir machen davon Photos", fügte Raquel hinzu. „Die verkauft Joschi
dann an diverse Magazine."
„Ich werd’ nicht mehr!" empörte sich Stein. „Hier bleibe ich keine
Sekunde länger. Macht’s gut, ihr beiden."
Wie ein aufgescheuchtes Wiesel wuselte Stein Richtung Haus und rannte
dabei prompt Konrad in die Arme.
„Wir haben sie!" Konrad wedelte aufgeregt mit ein paar weißen Papieren
durch die Luft.
„Wir haben was?" Stein musterte Konrad skeptisch. „Wo hast du deine
„Zehn" gelassen?"
„Wie werden Superstars", verkündete Konrad aufgeregt. „Ich war gerade
bei einem Meeting mit Joschi und ein paar anderen. Wir haben alles
geklärt."
„Was geklärt?" Steins Mißtrauen wuchs.
„Wir spielen in dem Film mit!" rief Konrad euphorisch. „Wir werden
Pornostars!"
„Das ist doch nicht wahr!" schrie Stein.
„Doch, doch, Ehrenwort", beteuerte Konrad. „Ich hab’ mir auch schon
ein paar tolle Künstlernamen für uns ausgedacht. Du bist Joe Montana
und ich heiße Randy California!"
„Ich glaube, mir wird schlecht", stotterte Stein. „Ich muß mich setzen."
„Tu das", trällerte Konrad von der eigenen Begeisterung getragen.
„Hier ist das Drehbuch."
„Die zwei Zettel?" Stein starrte ungläubig auf die Papiere. „Das ist
alles?"
„Naja, viel gesprochen wird dabei nicht", räumte Konrad ein. „Mehr
gestöhnt. Ungefähr so: Uuuuh! Uuuuuuh! Uuuuuhuuuu!" Konrad stöhnte,
als litte er unter Verstopfung. „Aber wir haben jeder trotzdem einen
Satz. Du sagst: ‘Mach’s mir, Baby’ und ich muß sagen: ‘Komm, wir treiben’s
auf dem Tandem’."
„Ich bin weg!" Stein machte auf der Ferse kehrt und marschierte strammen
Schritts in die Villa zurück.
Im Korridor begegnete er Joschi.
„Oho, mein Freund!" rief er. „Wohin so eilig?"
„Ich gehe", antwortete Stein ein wenig verlegen. „Mir..., mir ist
nicht gut. Vielen Dank für die Einladung und weiterhin noch viel Vergnügen."
„O nein, so kommst du mir nicht davon!" Joschi verstellte ihm den
Weg und grinste breit. „Du wirst hier eine wunderbare Nacht verbringen."
„Dank der Gesellschaft, in der ich mich hier befinde, sind die Chancen
dafür leider gleich Null", bedauerte Stein. „Ich bin nicht aus dem
Holz, aus dem man Pornostars schnitzt. Konrad hat mir alles erzählt."
„Das hier ist ein freies Land", beteuerte Joschi, machte den Weg aber
trotzdem nicht frei. „Du kannst tun und lassen, was du möchtest. Ich
kann dich und deinen Freund..., wie heißt er noch mal?"
„Randy California", erwiderte Stein trocken.
„Egal, also, ich kann euch reich und zu Stars machen", versprach Joschi.
„Hast du den Film gesehen ‘Vorsicht, scharfe Kurven’?"
„Nein, tut mir leid", bedauerte Stein.
„Der ist von mir", verriet Joschi stolz. "Hat mir mehrere Porno-Oscars
eingebracht. Oder ‘Heiße Miezen in kalten Ketten’?"
Obwohl sich Stein einem kurzem Brainstorming unterzog, mußte er auch
hier passen.
„Auch preisgekrönt", prahlte Joschi. „Ist der Hit in allen XXX-Videotheken.
Ohne mich hätte noch nie jemand etwas von Clark Carrera, Vince Voyeur
oder Sam Spark gehört."
Stein hörte die Namen zum ersten Mal.
„Jedenfalls haben meine Filme jede Menge Klasse", so Joschi weiter.
„Aber manchmal brauch’ ich einfach frisches Blut. Unverbrauchte Darsteller,
wenn du verstehst, was ich meine. Und als ich euch gestern im Teatro
sah, kam mir die Idee, daß so was wie ihr noch nie in einem Porno
aufgetreten ist."
„Wird wohl seine Gründe haben", meinte Stein selbstkritisch und ließ
seinen Blick in den Garten wandern. Konrad saß am Beckenrand des Pools
und platschte mit den Füßen im Wasser. „Auf der Wiese tummeln sich
einige Ableger der männlichen Spezies Homo sapiens, die mir physisch
etwas geeigneter erscheinen."
„Die sind schauerlich!" Joschi schüttelte sich. „Guck dir doch bloß
mal die Muskeln von den Kerlen an. Die sehen doch alle aus wie das
Michelinmännchen. Ich brauch eine gewisse Originalität. So ein paar
Teewürstchen wie ihr."
„Tut mir leid", bedauerte Stein, obwohl er es eigentlich nicht bedauerte.
„Aber ich gehe jetzt."
„Okay, da kann man nichts machen", fügte sich Joschi ins Unvermeidliche.
„Aber einen Abschiedsdrink kannst du mir nicht verwehren. Wer weiß,
ob wir uns noch mal sehen, bevor du nach Hause fliegst."
„Na schön", seufzte Stein. Er wollte ja nicht unhöflich sein.
Joschi verschwand kurz nach nebenan und kehrte mit einer halben Flasche
Wodka und ohne Gläsern zurück. Stein eskortierte Joschi nach draußen
zu einem kleinen Tisch. Einen Tisch weiter erklärte ein Äthiopier
zwei albern kichernden Frauen gerade ein afrikanisches Beschneidungsritual,
indem er an einer Banane rumschnippelte.
Joschi reichte Stein die Flasche. „Prosit", sagte er.
Stein nahm einen kräftigen Schluck. Das Zeug schmeckte so bitter,
daß er es nur mit Ach und Krach die Kehle runterbekam. Im nächsten
Moment bereitete ihm das Denken große Probleme. Eine merkwürdige Leichtigkeit
überfiel ihn. Danach ging’s ihm bedeutend besser. Er überschritt den
Rubikon von Anstand und Moral. Oder anders ausgedrückt: Ihm war plötzlich
alles völlig schnuppe. Stein versank in einem Strom aus zusammenhanglosen
Bildern und Wortfetzen. Er verlor das Bewußtsein und rutschte vom
Stuhl auf die Wiese.
„He!" rief Joschi Richtung Konrad. „Ich glaub, deinem Freund ist schlecht
geworden."
Konrad eilte im elastischen Laufschritt herbei und hievte Stein auf
den Stuhl. Joschi wandte sich ab und rieb sich zufrieden die Hände.
„Genug gefeiert!" rief er seinen Gästen zu. „Ran an die Arbeit. Wir
drehen jetzt einen Film."
Zehn Minuten später wurde ein völlig weggetretener Stein zum Aufnahmeset
am Pool geschleppt. Zwei muskelstrotzende Nebendarsteller packten
ihn rücklings auf das Sprungbrett.
„Alles zur Aufnahme bereit?" rief Joschi in die Runde und baute sich
hinter der Kamera auf. „Action!"
Ein Beleuchter hätte Stein, alias Joe Montana, fast mit einem Scheinwerfer
versengt. Der angehende Pornostar verdrehte die Augen. Zwischen den
flatternden Lidern sah er, wie sich die gewaltigen Brüste der Löwenmähnigen
auf ihn runtersenkten. Normalerweise hätte er sich die Seele aus dem
Leib geschrien oder mindestens „Hilfe!" gerufen. Aber ein so kompliziertes
Wort beherrschte seine Zunge nicht mehr. Stein quiekte lediglich vor
Schreck wie ein Meerschweinchen.
„Halt! Stop!" unterbrach Joschi die Szene und bewahrte seinen Hauptdarsteller
vor einem qualvollen Erstickungstod. „Was ist das denn? Wieso bewegt
der sich denn nicht?"
„Keine Ahnung", meinte die Löwenmähnige. „Bei dem tut sich gar nichts.
Der ist doch schon gehirntot."
„Ich will aber, das sich was tut!" polterte Joschi. „Ich will, daß
sich zumindest seine Arme bewegen!"
„Warum nehmen wir nicht Vince Voyeur?" fragte der Danny De Vito-Verschnitt,
seines Zeichens Co-Produzent. „Der Junge war doch in den anderen Filmen
auch toll."
„Das ist es doch gerade", versuchte Joschi begreiflich zu machen.
„Wir haben immer dieselben Typen in den Filmen. Ich kann diese Heinis
nicht mehr sehen. Wer soll sich denn mit denen identifizieren? In
dem Film hier spielt ein Hanswurst die Hauptrolle. Das kommt an. Damit
leiten wir einen neuen Trend ein."
„Und was ist mit dem da?" Der Co-Produzent deutete auf Konrad, der
neidisch zu Stein schaute.
„Haben wir eben in der Villa probiert", erklärte Joschi. „Geht nicht
aus Kontrastgründen."
„Aus Kontrastgründen?" wiederholte der Co-Produzent belämmert.
„Guck dir den Kerl doch bloß mal an" forderte Joschi ungehalten. „Wenn
wir seinen kalkweißen Hintern richtig ausleuchten, dann versackt seine
restliche rote Haut im Dunkel. Und leuchten wir die rote Haut richtig
aus, strahlt sein weißer Hintern wie ‘ne Blendgranate."
„Ach so!" Der Co-Produzent nickte verständnisvoll. Plötzlich hellte
sich sein Gesicht auf: „Ich hab’s! Wir drehen einen Horrorfilm. Libby
Lips vergewaltigt eine Leiche. Der Typ auf dem Sprungbrett spielt
die überzeugendste Leiche, die ich je gesehen hab!"
„Das ist die blödeste Idee, die ich je gehört hab’", brüllte Joschi,
als würde er gleich Amok laufen. „Nix da, wir drehen genau nach Drehbuch!"
Joschi schickte den Kameramann ins Haus, wo er mehrere Rollen Kordel
holte. Kurz darauf starrte Stein mit irrem Blick und völlig paralysiert
auf zwei nackte Männer, die umständlich auf dem Sprungbrett krabbelten
und an seinen Arm- und Fußgelenken Kordeln knoteten.
„Man wird die Kordel im Film sehen", befürchtete der Co-Produzent.
„Wird man nicht!" widersprach Joschi gereizt. „Und selbst wenn, wer
achtet in einem Porno auf irgendwelche Schnüre."
„Auch wieder wahr", gab der Co-Produzent zu.
Inzwischen waren Steins Arme und Beine verkabelt. Die Kordelrollen
hinter sich abwickelnd, zockelten die beiden Nebendarsteller vom Sprungbrett
zu dem Baum, dessen mächtigen Äste halb über den Pool ragten.
„Und was ist mit den Augen?" wollte Libby Lips wissen.
„Was ist mit denen?" fragte Joschi neues Ungemach ahnend.
„Die sind zu", stellte Libby Lips fest.
„Ja und?" Joschi zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Das geht doch nicht", argumentierte Libby Lips gestenreich. „Der
sieht doch aus wie’n Schlaffi."
„Stimmt", mußte Joschi zugeben. „Was machen wir jetzt?"
„Maske!" bellte der Co-Produzent: „Mal mal einer dem Kerl ein paar
Pupillen auf die Lider!"
„Wo bin ich?" jammerte Stein, als ein Pinsel und nasse Farbe auf seinen
Augenlidern seine Lebensgeister ein wenig weckten. „Was ist mit mir
geschehen?"
Dann quasselte er wieder unzusammenhängende Wörter. Direkt über ihm
kraxelten inzwischen die beiden Nebendarsteller todesverachtend im
Baumwipfel rum. Immer wieder verhedderten sich die Kordelschnüre,
mit denen sie Steins Arme und Beine wie bei einer überdimensionalen
Marionette bewegten. Pornofilme drehen war eine Sache, Puppenspielen
eine ganz andere.
„Ja, das sieht schon ganz echt aus", lobte Joschi die Männer.
„Was ist mit seinem Text?" erkundigte sich Libby Lips.
„Was denn?" rastete Joschi aus. „Jetzt soll er auch noch sprechen
können? Erwartest du von mir Wunder, oder was?"
„Ich weiß was", mischte sich der Co-Produzent ein und fuchtelte Joschi
mit seinem Handy vor der Nase rum.
„Ich will jetzt mit keinem reden", knurrte Joschi gereizt. „Sag, ich
ruf zurück."
„Das ist kein Anruf für dich", trällerte der Co-Produzent: „Wir legen
dem Typen mein Handy in den Nacken und Vince Voyeur sagt dann über
dein Handy den Satz."
„Ahhhhh!" Bei Joschi fiel der Groschen. „Quasi so eine Art Fernsynchronisation
von Handy zu Handy. Großartig!"
„Wenn Libby ihm dann noch die Kinnlade bewegt, sieht’s garantiert
echt aus", ergänzte der Co-Produzent. „Realistischer geht’s nimmer."
Joschi zerstreute alle weiteren Bedenken und den Aufnahmen stand nichts
mehr im Weg. Die beiden Männer im Geäst bewegten Steins Arme und Beine
mittels der Schnüre mit kaum für möglich gehaltener Kunstfertigkeit.
Während Libby Lips gewaltiger Busen ihn unter sich begrub, wedelte
er wild mit den Armen. Die aufgemalten Pupillen auf den Augenlidern
wirkten ein wenig leblos, aber dafür zuckten seine Beine umso realistischer.
Und während Stein mit Hilfe der Kordeln so zuckte und ruckte, drang
aus dem Handy in seinem Nacken Vince Voyeurs verzerrte Telefonstimme:
„‘Mach’s mir, Baby’!"
Den Umstehenden ließ diese Szene kalte Schauer über den Rücken laufen.
Konrad hatte inzwischen Zwei und Zwei zusammengezählt und erkannt,
daß seine erhoffte Karriere heute wohl nicht vom Stapel laufen würde.
Bedröppelt schlich er sich davon.