Zwangsversteigerung

Wer die Frage der Finanzierung zu lange offen läßt, sieht sich später mit vermotzten Gläubigern konfrontiert. Man kommt nicht umhin, auf den Punkt hinzuweisen, den manch frisch gebackener Hausbesitzer in einer Euphorie übersieht: Solange das Domizil nicht abbezahlt ist, gehört es ihm gar nicht, sondern seinen Gläubigern. Nüchtern betrachtet, wohnt der Bauherr noch weiter zur Miete, bis er seine Schulden beglichen hat. Sollten diese Zahlungen einmal ausbleiben, dann entpuppt sich das Hausbesitzer-Dasein als flüchtiger Augenblick. Sinkt die finanzielle Potenz des Bauherrn in rascher Talfahrt auf Null, muß er die Suppe auslöffeln, die er sich da eingebrockt hat. Die "Vermieter" (=Banken) suchen sich für das Objekt einen anderen "Mieter" (=Käufer). Wenn der große Bruch zwischen der bis dato so freundlichen Hausbank kommt, wenn der Kreidestrich zwischen Bauherr und seinem Haus gezogen ist, ja dann kommt es zur Zwangsversteigerung. Zwangsversteigerungen sind keine besonders lustigen Sachen. Jedenfalls hat noch kein Bauherr Tränen gelacht, als sein Häuschen unter den Hammer kam. Eine Zwangsversteigerung ist zweifellos die größte Tragödie im Leben eines Bauherrn. Respektierliche, bisher immer freundlich gesonnene Finanzberater verwandeln sich plötzlich in abscheulich kaltherzige Fremde. Keine Bange, die Bank kommt schon zu ihrem verliehenen Geld.
Die Schwierigkeit für den gescheiterten Bauherrn besteht nun darin, annähernd den Betrag rauszuschlagen, den er in sein Ex-Heim gesteckt hat. Denn nicht genug damit, daß er sein Haus nach der Zwangsversteigerung räumen muß, er bleibt nicht selten auf einem imposanten Schuldenberg sitzen. Dabei handelt es sich um die Differenz zwischen Schuldbetrag und den durch Zwangsversteigerung erzielten Erlös. Diese Differenz ist oft hoch genug, um dem Ex-Bauherrn mehr als nur den Rest des Tages zu verderben. Und so ist aus dem Traum ein Alptraum geworden.
"Geteiltes Leid ist halbes Leid", dieser Spruch entpuppt sich als leere Floskel, falls Freunde oder Verwandte des gescheiterten Bauherrn ihm mit einer Bürgschaft zum Baugeld verhalfen. Diese meistens leichtfertig gegebene Unterschrift mausert sich oft zum Bumerang, der mit unerwarteter Härte zurückkommt. Entgeistert sieht sich mancher Bürge plötzlich mit einer Schuldenlatte konfrontiert, die er nun für den Ex-Bauherrn begleichen soll. Um an ihr Geld zu kommen, scheuen die Gläubiger auch vor Zwangsversteigerungen bei den Bürgen nicht zurück.
Und so wird aus dem Eigenheimbesitzer wieder das, was er bereits war: ein Mieter. Nur mit dem kleinen Unterschied, daß er womöglich den Rest seines Lebens ein Haus abbezahlt, das er nie besitzen wird.
Aber wie heißt es so schön: "Des einen Leid, des anderen Freud". Zwangsversteigerungen sind für viele eine Möglichkeit, durch ein Schnäppchen Besitzer eines ansonsten unerschwinglichen Eigenheimes zu werden. Der potentielle Käufer stellt jedoch mit Schrecken fest, daß er nicht der einzige Interessent ist. Bei den professionellen Zwangsersteigerern handelt es sich vornehmlich um Makler oder Spekulanten. Durch den Weiterverkauf des ersteigerten Häuschen erhoffen sie sich eine saftige Gewinnspanne. Ab einem gewissen Limit verlieren diese Leute deshalb rasch das Interesse an dem Objekt.
Eine Zwangsversteigerung kann oft, aber unverhofft, zur finanziellen Fußangel für den ahnungslosen Interessenten werden. Stammt das betreffende Haus aus der Konkursmasse einer Firma? Und ist es womöglich der letzte Besitz, den die Bankrotteure unter den Hammer bringen? Dann verwandelt sich die Freude des Bauherren leicht in bitterste Zerknirschung. Denn wer kennt schon den Paragraphen 419 des BGB "Übernimmt jemand durch Vertrag das Vermögen eines anderen, so können dessen Gläubiger, unbeschadet der Fortdauer der Haftung des bisherigen Schuldners, von dem Abschluß des Vertrags an ihre zu dieser Zeit bestehenden Ansprüche auch gegen den Übernehmer geltend machen. - Die Haftung des Übernehmers kann nicht durch Vereinbarung zwischen ihm und dem bisherigen Schuldner ausgeschlossen oder beschränkt werden." Im Klartext heißt das, der Ersteigerer erhält nicht nur ein Haus, sondern gleichsam als Bonus noch den restlichen Schuldenberg der ruinösen Firma. Dem frischgebackenen Hausbesitzer kann man in so einem Fall nicht nur zu einem neuen Haus gratulieren, sondern gleichzeitig zu einem gigantischen Schuldenberg kondolieren. Auf diese Weise wird aus manchem Zwangsersteigerer im Handumdrehen ein Zwangsversteigerer.


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