Einzug
Den Einzug stellen sich viele zu einfach vor.
Sie glauben, nun habe der Bauherr den Bauärger hinter sich. Folglich
sei er ausgeruht und frei von Streßsymptomen. Pustekuchen! Aus eigenem
Antrieb finden die Umzugskartons jedenfalls nicht ihre neue Heimat.
Vom beauftragten Umzugsunternehmen läßt der kostenbewußte Bauherr
besser nur die sperrigen Möbel mitnehmen. Ansonsten bezahlt er für
den Kleinkrempel womöglich mehr, als der Plunder wert ist.
Am Vorabend des Umzugs betritt der Bauherr die Baustelle. Im Gegensatz
zu den vorherigen Monaten geht es dort ungewöhnlich munter zu. Rastlos
klopfen die Dielenverleger bis in die späten Abendstunden den halbfertigen
Bretterboden im Erdgeschoß zusammen, während im ersten Stock der eigenbrötlerische
Parkettschleifer seine Bahnen zieht. Direkt nebenan legt der Fliesenleger
letzte Hand an die Fugung. In der Manier olympischer Hürdenspringer
stakst der Bauherr mit voll-bepackten Umzugskartons über die Unterkonstruktion
des unfertigen Fußboden, stolpert slapstickartig die Kellertreppe
runter und findet dort unten vielleicht ein Eckchen für seine Kisten.
Mit der sechswöchigen Verspätung ist die Bauleitung geradezu sensationell
nah am vereinbarten Fertigungstermin. Für große Schöpfungsgeschichten
muß man sich eben etwas Zeit nehmen. Hoffentlich sind wenigstens die
sanitären Einrichtungen fertig. Ansonsten muß sich der Bauherr zur
Abwechslung mal ungewaschen in die Falle hauen. Vielleicht wohnen
ja Verwandte oder gute Bekannte in der Nähe. Angesichts des Chaos
schmelzen die nämlich vor Mitleid dahin und versorgen von Stund an
den darbenden Hausherren. Denn bis die Umzugskartons ausgepackt und
die Küche installiert ist, das kann dauern.
Meterhohe Möbel- und Kartonhalden türmen sich nach Einzug am nächsten
Tag in sämtlichen Räumen. Zwischen dem Tohuwabohu schlängeln sich
labyrinthartige Gänge. Netterweise ließ der Bauleiter den empfindlichen
Dielenboden mit den Verpackungskartons der Zimmertüren abdecken. Dadurch
vermeidet er, daß der Bauherr zu früh den Murks bemerkt, den der unfähige
Parkettschleifer den superteuren Dielen antat. Andererseits offenbart
sich dafür dem geplätteten Bauherrn, daß die angeblich eigens für
sein Haus in Handarbeit hergestellten Türen in Wahrheit billigste
Fließbandprodukte sind. Wahrscheinlich ist der gute Mann aber vom
Umzugsstreß noch zu erschüttert, als daß ihn das im Augenblick erschüttern
könnte.