Ausfugen
Alte, ausgewaschene Fugen zwischen den Backsteinen empfindet mancher
Bauherr als unansehnlich. Aus diesem Grund bittet er um eine einheitliche
Ausfugung des umgebauten Hauses oder der alten Wand des Nachbarhauses,
an die sein Garten grenzt. Das Gerüst für die acht Meter hohe Wand
aufzustellen, bereitet keine Probleme. Größere Schwierigkeiten ergeben
sich, wenn der Bauleiter vier Wochen danach immer noch keinen Dummen
gefunden hat, der die Pingelsarbeit durchführen möchte. Hinter dem
Rücken des Bauherrn buhlt der Unter-Bauleiter um das Wohlwollen des
Putzers. Aber rasch wird klar: Das ist nicht gerade die Art Arbeit,
worauf die gesamte Putzgemeinde gewartet hat. Der Bauherr wundert
sich - nichts Böses ahnend -, wieso das Gerüst wochenlang rumsteht.
Schließlich kostet es täglich ein stattliches Sümmchen. Und genau
dieses Geld müßte der Bauleiter erstatten, falls er keinen Blöden
für die stumpfsinnige Spachtelarbeit findet.
Am folgenden Tag erklärt der Unter-Bauleiter dann: "Äh..., ich habe
mich schlau gemacht, Herr M. Gute Neuigkeiten! Es gibt sowohl die
Möglichkeit, die Wand zu verputzen, als auch die des groben sowie
feinen Ausfugens. Es ist nur eine Frage des Preises."
"Wenn es so ist, lassen Sie die Wand fein ausfugen. Das ist mir die
paar Mark mehr wert. Hauptsache, es sieht gut aus!" ordnet der Bauherr
an und freut sich wie blöde, daß seine Wunschvorstellungen ausnahmsweise
mal in den Bereich des Machbaren fallen.
Besucht der Bauherr nach Beendigung des Ausfugens die Baustelle, erfährt
er wieder einmal, warum Bauen niemals langweilig wird: Unvermittelt
erstarrt der Bauherr beim Anblick des Erschaffenen. Die Wand ist doch
nicht so toll ge-worden, wie der Unter-Bauleiter weismachen wollte.
Sie besticht nun mehr durch Zementgematsche als durch Ästhetik. Die
Mauer ist über den Status "häßlich" - trotz immenser finanzieller
Aufwendungen - immer noch nicht hinausgekommen. Dem staunenden Auge
bietet sich ein zementverkleistertes optisches Feuerwerk der Abscheulichkeit.
Dennoch zeigt sich der Bauleiter mit der geleisteten Arbeit voll zufrieden.
Offenbar hält er das Gematsche an der Wand für den Höhepunkt bautechnischer
Leistung.
Einwände des Bauherrn werden von dem schnell plappernden Unter-Bauleiter
ignoriert. Er behauptet einfach, es habe nie etwas anderes als Grobausfugung
zur Debatte gestanden, weil dies (wie man eindrucksvoll sieht) das
einzig technisch Machbare sei. Dies mag von dem Unter-Bauleiter nicht
besonders ehrlich oder gar feinsinnig sein, aber es ist wirkungsvoll.
Es besticht in seiner entwaffnenden Einfachheit und bringt jeden jammernden
Bauherrn zum Verstummen.