Drakula Junior
Falls der geneigte Leser glaubt, ein Höllenfürst habe keine Probleme,
so irrt er gewaltig. Besonders seit der Ankunft von Drakula Junior,
akkumulierten die Schwierigkeiten im Hause Drakula wie alte Zeitungen.
Klein-Drakula gedieh anfangs prächtig. Auf seine Abneigung, Blutplasma
aus dem Nuckelfläschchen zu saugen, brachte man anfangs milde Nachsicht
entgegen. Doch selbst nach fünfzehn Jahren erwies sich Drakula Junior
immer noch als ungemein unbegabter Nachwuchsvampir. Kaum stellte ihm
sein Daddy ein Glas frisch gepreßten Blutsirup auf den Sarg, heulte
Drakula Junior, von irgendwelchen undefinierbaren Instinkten geleitet,
mit schrillem Schreien los. Laut Schluchzend tat er seinem irritierten
Vati kund, daß er sich viel lieber eine Cola reinziehen würde, als
dieses eklige Gesöff.
Graf Drakula stufte sich selbst als liebevollen, umgänglichen Vater
ein. Aber er legte Wert darauf, daß alles seine Ordnung hatte. Und
ein Vampir, der kein Blut mochte, war überhaupt nicht in Ordnung.
„Vampir sein ist gar kein schlechter Beruf", begann der Höllenfürst
einen neuen Versuch, den kleinen Querkopf zu belehren. "Man kann soviele
Menschen pie-sacken, wie man nur will."
„Weißt du, Papi", antwortete Drakula Junior ruhig. „Nach dem, was
ich so höre, geht deine Erziehung keineswegs in die pädagogisch richtige
Richtung. Man soll sein Kind doch zur Milde, Güte und Sanftmut anleiten."
„Ja, was willst du denn mal werden?" Graf Drakulas Geduld hing an
einem seidenen Fädchen.
Drakula Junior überlegte keinen Augenblick, was seine Zukunft betraf:
„Ich werde Musiker!" trällerte er.
Graf Drakula war baff. Mit leerem Blick wankte er aus der Gruft und
schluchzte auf dem Söller still vor sich hin.
Aber das Schicksal hielt noch andere Tiefschläge für Drakula Senior
bereit. An einem herbstlichen Abend, als der Graf seinen Stammhalter
mal wieder in die Feinheiten des Vampirdaseins einweihen wollte, nahm
das Dilemma seinen Lauf. Drakula Junior heulte wieder mal, was das
Zeug hielt. Seit geraumer Zeit versuchte ihn Graf Drakula, der furchtbare
Herr der Vampire, auf den Turm zu locken. Dort sollte sich Junior
in eine Fledermaus verwandeln und auf Beutefang gehen. Von wegen!
Alles, was Drakula Junior machte, war flennen. Er hatte Angst vor
Fledermäusen.
Papa Drakula liebte seinen Sohn, darum nahm er ihm seinen Trotzkopf
nicht übel. Nur zu gut erinnerte sich der Höllenfürst selbst an seine
Jugend, wie sein Papi, Opi Drakula, zu drastischen Mitteln gegriffen
und ihn gezwungen hatte, in ein Stück Blutwurst zu beißen. Damals
hatte er sich geweigert, jungen Damen an den Halsschlagadern zu knabbern.
Tja, seinerzeit war die Vampirerziehung noch recht grob. Heutzutage
hatten sich die Methoden jedoch Gottseidank grundlegend geändert.
Moderne Vampireltern erzogen ihre Sprößlinge nach streng pädagogischen
Gesichtspunkten. Verständnis für die sensible Vampirseele hieß die
Devise.
„Alle anderen Vampire flattern nachts als Fledermäuse umher. Willst
du, daß dich die anderen auslachen?" appellierte Papi Drakula an den
Stolz seines Sohnemanns.
„Ist mir schnuppe", lautete die bockige Antwort des Bengels.
Einerseits rührte Graf Drakula die Aufrichtigkeit seines Jüngsten,
andererseits brachte sie ihn zur Weißglut. Nach außen hin legte er
eine bewundernswerte Beherrschung an den Tag und schaltete auf die
Traditionsmasche um.
„Auch in unserer modernen Leistungsgesellschaft hat ein Vampir Verpflichtungen.
Die Menschen erwarten, daß er nachts jeden, der seinen Weg kreuzt,
verfolgt, um seinen Blutspiegel zu senken", erklärte er.
Ungerührt dessen ließ Drakula Junor immer noch durchblicken, daß er
nicht gewillt war, einen derartigen Versuch zu wagen. Papa Drakula
verbuchte einen kleinen Teilerfolg, als er den Kleinen überredete,
mit ihm auf den Söller zu steigen. Dort breitete der gnadenlose Vampir-herrscher
majestätisch den Umhang auf und flog als Fledermaus los. Kühn, ei-nem
stolzen Adler gleich, glitt er durch das Dunkel der Nacht. Mitten
hinein in diese äußerst lehrreiche Demonstration schoß irgendsoein
unterbelichteter Idiot aus dem nahen Dorf 'ne Portion Schrot auf den
Vampirfürsten ab.
„DA! 'ne Flugente. Ich glaub', ich hab' sie erwischt", trällerte der
kurzsichtige Waidmann.
Aus Schreck über die melodisch vorbeipfeifenden Kugeln vergaß der
mächtige Vampirgraf das Flattern. Wie ein Stein sauste er in die Tiefe.
Hochspritzendes Was-ser kennzeichnete die Stelle im Burggraben, wo
er eintauchte. Kühle Wellen überfluteten ihn. Derweil Drakula Junior
halb über der Brustwehr lag und lachte. Was heißt lachen? Er brüllte!
Nachdem Graf Drakula nicht ohne gewisse Schwierigkeiten aufgetaucht
und wieder neben seinem Söhnchen auf dem Söller stand, gluckste der
immer noch. Jeder andere Vampirvater hätte dieses verwerfliche Benehmen
seines Sprößlings vermutlich mit einem Tritt in den Hintern honoriert.
Nicht so Graf Drakula. Er zeigte Verständnis für seinen Sohn, trotz
des tierischen Gelächters, in das der jedesmal aufs Neue verfiel,
sobald er seinen triefenden Vater ansah. Das bewies, daß Vampirfürsten
Humor besaßen. Doch der verging dem dunklen Fürsten so langsam. Was
machte man in so einem hoffnungslosen Fall? Graf Drakula wußte es
nicht. Von Beruf war er schließlich Vampir und kein Erzieher bockiger
Vampirknaben.
Der schlimmste Tag seines Lebens aber war für Graf Drakula zweifellos
jener, an dem Drakula Junior die Aufnahmeprüfung fürs Vampir-Gymnasium
total vermurkste. Dabei war sie kinderleicht: Blutgruppenbestimmung
anhand praxisbezogener Geschmackstests. Sein Sprößling hatte nicht
mal eine einzige bestimmt, sondern sich nach dem ersten Schluck übergeben.
Unfaßbar! Außerdem (das alte Lied) lehnte er es kategorisch ab, sich
in eine Fledermaus zu verwandeln. Davon, daß der Sprößling vom Unterschied
zwischen Venen und Arterien nicht den Hauch einer Ahnung besaß und
auch keinen Ekel vor Knoblauch kannte, gar nicht zu reden.
Das Schlimmste aber war, wirklich das Allerschlimmste: Drakula Junior
freute sich auch noch darüber, durch die Prüfung gerasselt zu sein.
Zum Glück war Drakulas Papi eingeäschert worden. Dadurch blieb es
dem edlen Vorfahren erspart, wegen seines Enkels im Grab zu rotieren.
Graf Drakula blickte stumm in die Finsternis, die sein Schloß umgab.
Gut, ein gewisses Maß an Aufmüpfig-keit gegen das Elternhaus mußte
man jedem 17-jährigen zugestehen. Aber ein Nachwuchsvampir, der sich
weigerte, die Grundlagen des Vampirdaseins zu erlernen, war eine verflixt
ernste Angelegenheit. Der Gedanke, daß sein eigenes Fleisch und Blut
sich weigerte, die Familientradition derer von Drakula fortzusetzen,
ließ den Herren der Blutsauger erschaudern. Irgendetwas hatte er bei
der Erziehung seines Söhnchens falsch gemacht. Aber was?
In dieser Nacht fühlte sich Graf Drakula furchtbar. Die Vaterpflichten
lasteten schwer auf ihm. Er lehnte sich bequem in seinem Sarg zurück,
in einer Hand hielt er ein kühles Kölsch, in der anderen eine Tüte
Chips. 'Was, wenn der HERR DES BÖSEN von dem Spleen seines Sohnes
hörte? Nicht auszuschließen, daß die Vampir-Schulbehörde ihm inzwischen
schon Meldung über den Reinfall seines Sprößlings gemacht hatte',
spukte es Graf Drakula im Kopf rum. Plötzlich schmeckte ihm das Bier
schal.
Von den Sorgen seines Vaters total unbeleckt, hockte Drakula Junior
zu dieser Zeit in seiner Gruft. Vor ihm auf dem Sarg lagen Notenblätter.
Er haute gerade tierisch in die Saiten seiner abgegriffenen Elektrogitarre,
als Papa auf der Bildfläche erschien. Drakula trat ein, schob einen
Verstärker beiseite und setzte sich neben seinen Sohnemann.
„Na, Junior! Was machen deine Fortschritte...?" begann Drakula, und
tat so, als hätte er die Hiobsbotschaft aus der Schule noch nicht
erhalten.
„Alles paletti, Daddy", unterbrach ihn Drakula Junior euphorisch.
„Ich hab' heute ein paar neue Riffs erfunden."
„Ich meine deine Fortschritte auf dem Vampir-Gymnasium", beendete
Drakula unbeirrt und betont ruhig den Satz.
Drakula Junior hüllte sich in Schweigen. Schuldbewußt senkte er den
Blick und scharrte verlegen mit den Füßen.
„Nicht jeder hat in seinem Leben die Chance, ein Vampir zu werden,
und schon gar nicht ein Vampirfürst", fuhr Drakula in väterlich-mildem
Ton fort.
Drakula Junior hielt den Blick gesenkt und scharrte verlegen mit den
Füßen.
„Denk an den Ruf unserer Familie! Hast du denn keinen Sinn für Tradition?
Seit jeher sind die von Drakulas Vampire gewesen", appellierte der
Höllenfürst an die Ehre seines Sprößlings.
Drakula Junior hielt den Blick gesenkt und scharrte verlegen mit den
Füßen.
„Willst du nicht auch zu den wenigen Auserwählten gehören, die mit
einem Vampirdiplom aufwarten können?" fragte der leidgeprüfte Vater
mit bittendem Vibrato in der Stimme.
„Ich will Musiker werden", flüsterte Drakula Junior leise, hielt den
Blick gesenkt und scharrte verlegen mit den Füßen.
Nur mit äußerster Mühe unterdrückte Drakula sein Verlangen, die Gitarre
seines Sohnes an der Wand in Atome zu zertrümmern. Ach, hätte er doch
bloß nie Drakula Junior im zartesten Babyalter diese Rassel geschenkt.
Na ja, wer konnte auch schon ahnen, daß jenes harmlose Spielzeug mal
zu derartigen Auswüchsen führen würde?
„Junior", krächzte Drakula mit gepreßter Stimme. „Ich bin der König
aller Vampire. Um das zu werden mußte ich hart arbeiten! Meine Eltern
hatten kein Geld, um mich auf das Vampir-Gymnasium zu schicken. In
den Ferien jobbte ich in einer Erfrischungsbude und verkaufte Blutplasma-Cocktails.
Jeden Pfennig kratzte ich für die Studiengebühren zusammen."
„Die Geschichte kenn' ich. Die hast du mir schon tau-sendmal erzählt",
maulte Drakula Junior.
„Aber Junge, so versteh doch! Ich möchte, daß du es mal besser hast.
Du wirst schließlich mein Nachfolger. Die Menschen sollen vor Angst
zittern, wenn sie nur deinen Namen hören. Na komm, Junior. Versuch's
doch bitte wenigstens", bettelte der Höllenfürst.
Drakula Junior zupfte an den Saiten der Gitarre, hob den Blick und
hörte auf, verlegen mit den Füßen zu scharren.
„Ich will aber Musiker werden", flüsterte er trotzig und zerschmetterte
Drakulas pädagogische Bemühungen mit einem Schlag.
„Aber nicht, solange du deine Füße in meinen Sarg streckst!" brüllte
der aufgebrachte Vater. „Du wirst Vampirfürst, darauf kannst du Gift
nehmen! Basta, bumms, aus!"
Wütend stürmte Drakula aus der Gruft was Drakula Junior nur mit einem
Schulterzucken quittierte.
Seit Drakula Junior seine Liebe zur Musik, speziell zu Elektrogitarren,
entdeckt hatte, stieg der Verbrauch an Ohropax im Schloß ins Astronomische.
Mit Wehmut erinnerte sich Drakula an jene paradiesichen Zeiten, als
Schloß Drakula ein Synonym für „totenstill" und „friedhofssruhig"
war. Immer öfter schreckte der Graf nun tagsüber vom Geklirr der Scheiben
in seiner Gruft hoch. Sämtliche Schloßfenster zersprangen in Stücke.
Das trutzige Gemäuer wankte in seinen Grundfesten. Drakulas Sarg vibrierte,
bis er von der Eichenholzkonsole plumpste und über den bebenden Boden
weiterhüpfte. Vermutlich feilte Drakula Junior wieder an ein paar
Gitarren-Riffs. Ein besonders voluminöser Akkord brachte einmal sogar
das Schloßdach zum Einsturz.
Tagsüber durfte sich Graf Drakula nicht aus seinem Sarg entfernen,
weil er sonst von der Sonne pulverisiert worden wäre. Dem infernalischen
Gitarrengetöse konnte er nur Ohren zuhalten entgegensetzen. Stundenlang
lag er dann, mit dem Gesicht nach unten, seine Finger umkrallten die
Ohrmuscheln, die um Ruhe betteln-den Lippen preßte er auf den Sargboden,
dem tosenden Lärm ausgeliefert da.
Schließlich rang er sich zu einer Entscheidung durch, die ihm nicht
leicht fiel. Er hing trotz allem ja immer noch an seinem Sohn, aber
noch mehr hing er an seinen Nerven. Es wäre am besten für alle Beteiligten,
der Kleine zöge in die Welt hinaus, um sich ein wenig den rauhen Wind
um die Nase wehen zu lassen. Seine Spinnereien würden ihm rasch vergehen,
wenn ihn der Ernst des Lebens ein wenig rupfte. Im Geist sah Graf
Drakula schon seinen verlorenen Sohn reumütig als geläuterten Vampir
zurückkehren. Diese süße Vorstellung erleichterte es ihm, Drakula
Junior samt Elektrogitarre mit einem Tritt in den Hintern aus Schloß
Drakula zu befördern.
Zu Drakulas Leidwesen kam dann doch der Tag, an dem er dem HERRN
DES BÖSEN Rede und Antwort über seinen Sohn stehen mußte. Die Einladung
zur Hochzeit seines Chefs konnte er ja schlecht ablehnen. An einem
Freitag dem 13. ehelichte der HERR DES BÖSEN die Tochter eines namhaften
Sprudelwasserfabrikanten.
Alles, was in der Welt des Bösen Rang und Namen hatte, nahm an dieser
Feier teil. Unzählige Geister wuselten umher, um die Gäste zu bedienen.
Ein gräßliches Brüllen erschütterte die Unterwelt, als der HERR DES
BÖSEN Drakula entdeckte. Angstvoll zog der Fürst aller Blutsauger
den Kopf ein. Der HERR DES BÖSEN walzte auf ihn zu.
„Ich habe gehört, Ihr Jüngster ist Musiker geworden", polterte seine
Donnerstimme.
„Leider", lispelte Drakula kleinlaut.
„Tja, dann sind die Menschen wahrlich nicht zu beneiden. Ganz ausgezeichnete
Erziehung, mein Lieber. Man merkt gleich die gestrenge Hand des Herrn
Vaters. Seitdem es das Böse auf dieser Welt gibt - und das gibt es
schon recht lange - bin ich, ehrlich gesagt, einem solchen Quell genialer
Verderbtheit noch nie begegnet. Einfach umwerfend", lobte der HERR
DES BÖSEN.
„Aber...?!" Drakulas Verwirrung wuchs. „Doch-doch, nur keine falsche
Bescheidenheit, mein Bester. Einfach großartig, wie locker der Kleine
das schafft, woran sich bisher ganze Heerscharen des Bösen die Zähne
ausgebissen haben: Er macht die Menschen zu willenlosen Sklaven, degradiert
sie zu lallenden Idioten. Ihr Sohn hat der Bosheit eine neue Dimension
verliehen. Er demonstriert, was es heißt, richtig bösartig zu sein.
Ob man jetzt schon von einem endgültigen Sieg des Bösen in der Welt
der Menschen sprechen kann, wird die Zeit zeigen. Aber ich glaube,
wir sind verdammt nah dran", behauptete der HERR DES BÖSEN.
Drakula lächelte dümmlich und schüttelte immer wieder ungläubig den
Kopf.
„Sein Gitarrenspiel läßt das Hirn der Menschen zu einem Nichts zusammenschrumpfen",
fuhr der HERR DES BÖSEN begeistert fort. „Diese Musik verwandelt sie
in kreischende Verrückte, die stumpfsinnig unartikuliertes Zeug sabbern,
während ihre Körper grotesk zappeln und zucken. Es gibt nichts, was
diesen Klängen an Verderbtheit gleichkommt. Verglichen damit, ist
die Versuchung von Adam und Eva so harmlos wie die Muppet Show. Dadurch
schnellt Ihr Sprößling kometengleich in die vorderen Reihen der ersten
Garde des Bösen. Ja, ich möchte sogar noch weitergehen und behaupten,
daß Ihr Söhnchen illustre Personen wie Beelzebub, Satan und Konsorten
in den Schatten stellt. Was für eine geniale Idee, es mit Musik zu
versuchen. Sie ist widerlich, obszön, ge-schmacklos, schmutzig und
pervers. Sogar mir kommt davon das eiskalte Schaudern. Der reinste
Alptraum! Die Kulturgeier sagen bereits den Untergang des Abendlandes
voraus. Ich glaube, sie nennen es 'Rock 'n Roll'."
„Mein Sohn", seufzte Drakula mit vor Stolz bebender Stimme und lächelte
selig.
E N D E