Die Handlung dieses Buchs ist erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden
Personen oder tatsächlichen Begebenheiten waren nicht beabsichtigt, aber unvermeidlich
Aus Erfahrungen, die ich bei meiner Arbeit in Bonn, Brüssel und Paris sammeln konnte, weiss ich: Die von mir geschilderte Geschichte hätte so passieren können.



Prolog

"Lass uns fahren", bittet sie, während ich durch die regennasse Windschutzscheibe auf die erleuchteten Fenster des Ratsgebäudes starre.
"Unfassbar", sage ich, "noch vor drei Wochen war ich einer von denen dort oben - mit Aussicht auf grosse Karriere."
"Du kannst es dir immer noch anders überlegen."
Ich schüttle den Kopf.
"Es gibt kein Zurück. Ausgeschlossen. Sobald Jean sein Buch veröffentlicht, ist in der EU-Verwaltung für mich kein Platz mehr."
"Möchtest du denn zurück?"
Natürlich werde ich auf diese Frage nicht antworten. Ich weiss, dass sie die Antwort kennt.
Als ich den Schlüssel im Zündschloss drehe, springt der Dieselmotor nach wenigen Umdrehungen an und versetzt die Fahrkabine in Vibrationen.
"Noch eine Abschiedsrunde, bitte", wünsche ich mir. "Ich habe hier einige Jahre verbracht. Und es gab eine Zeit, da glaubte ich an all das hier. Da werde ich doch nicht so klanglos abgehen wollen."
Nach einigen Versuchen am Lenkrad finde ich die Hupe. Passanten drehen sich nach dem Kleinlaster um, der eine lärmende Runde um den Rond-point Schuman dreht. Als wir bei Waterloo auf die Autobahn fahren, hat es zu regnen aufgehört und hinter den Wolken ist der Mond aufgegangen. In drei Tagen wird er rund sein.


I.


Arbeiten wollte ich nie. Hätte ich gerne vermieden.
Dass das nun nicht falsch rüberkommt. Schon als Kind habe ich Werbezettel und Zeitungen ausgetragen. Als Schüler im Lager einer Kleiderfabrik die schönsten Wochen des Jahres verbracht. Während des Studiums auf dem Bau Steine geschleppt und bei BASF Farbe geschaufelt.
Was ich nicht wollte, was ich vermeiden wollte - wovor ich Angst hatte - , das war das regelmässige, das eintönige, dieses ‚morgens aus dem Haus und spät abends zurück', wenn die Tage im Alltag verschwimmen, die Akten über den Tisch wandern und wieder und wieder ein neues Jahr beginnt.
Trotzdem ist es passiert. Obwohl ich Jura studiert habe wie Tausende und Abertausende. Obwohl ich mir alle Zeit der Welt gelassen habe. Obwohl ich noch ein Studienjahr in Frankreich dranhängte, als das Staatsexamen zu nah kam. Obwohl ich zwischen Staatsexamen und Referendariat ein Sabbatjahr einschob und mit dem Rucksack durch Lateinamerika zog.
Dass es bei dieser Studienkarierre noch zu einer Stelle langen sollte, damit war wirklich nicht zu rechnen, Ende der achtziger Jahre, als die Juristenschwemme über dem Land zusammenschlug. Aber dann kam die deutsche Wiedervereinigung, altgediente Beamte errichteten im Osten den Rechtstaat, und im Westen mussten ihre Stellen nachbesetzt werden. Drei Monate nach meinem Assessorexamen sass ich in einem mit grauem, abgewetztem Filzteppich ausgelegten Büro des Bundesministerium des Innern im Bonner Norden, durch mein Namensschild neben der Tür als Regierungsrat ausgewiesen, lernte die Gemeinsame Geschäftsordnung der Ministerien anwenden und Verfügungen auf Akten pinseln. Meine seit Kindstagen gehegten Aussteigerpläne legte ich in meiner Seelenregistratur unter dem Geschäftszeichen ‚geheime Wünsche' mit dem Kürzel WV ab - zur Wiedervorlage.

Geraume Zeit ist das her. Sechs Jahre. Nein, sieben sind es bereits. Nicht nur die Tage verschwimmen im Alltag. Und vier Jahre schon vertrete ich die Interessen meines Ministeriums in den europäischen Verhandlungen in Brüssel.
Es passiert nicht viel. Alle sechs Monate wechselt die Präsidentschaft. Alle sechs Monate nimmt ein anderer Mitgliedstaat die Rolle des Verfahrensleiters, Ideengebers und ‚ehrlichen Maklers' ein. Alle sechs Monate die selben Rituale, die selben Floskeln: ‚...lassen Sie mich diese erste Wortmeldung zum Anlass nehmen, Ihnen für ihre Präsidentschaft die volle Unterstützung meiner Delegation zuzusichern. Zu ihrem konkreten Vorschlag jedoch muss ich Ihnen miteilen, dass er für meine Regierung nicht annehmbar sein wird.'
Vier Sitzungen betreue ich durchschnittlich in der Woche, bei zweiundvierzig Sitzungswochen im Jahr, mal vier Jahre, das macht, mir wird beinahe schwindelig, sechshundertzweiundsiebzig Sitzungen.
Auf den Tag genau vor vier Jahren wurde ich vom Innenministerium ans Aussenministerium abgeordnet und an die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union versetzt. Ein Jubiläum heute. Das feiert sich.

Ich drehe mich weg von den regennassen Fensterscheiben und dem Blick auf graue Strassen und Fassaden, gehe durch die grossen Flügeltüren zu meinem Platz am Delegationstisch. Der Vorsitzende drückt auf seinen Klingelknopf. Die Sitzung hat begonnen. "Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde, wir wollen also die Sitzung eröffnen. Lassen Sie mich zuerst fragen, ob Sie die Tagesordnung annehmen."
Ein prüfender Blick in die Runde.
"Ich sehe, Sie sind mit der Tagesordnung einverstanden, nein, doch nicht, die deutsche Delegation, bitte."
Mein Kollege aus Berlin, der in seinen Unterlagen blätterte, sieht verschreckt hoch, er hatte nicht bemerkt, dass ich meinen Finger erhoben habe.
Ich drücke auf den Mikrofonknopf.
"Vielen Dank Herr Vorsitzender. Herr Vorsitzender, nur eine kleine Ankündigung der deutschen Delegation zu Tagesordnungspunkt sieben, Verschiedenes. Die deutsche Delegation würde gerne die Gelegenheit dieser Sitzung ergreifen, um die Gruppe über die Planungen eines Projekts zu informieren, das für die kommende deutsche Präsidentschaft ein Schwerpunkt der Verhandlungen im Polizeibereich und damit auch ein Schwerpunkt für die Arbeit dieser Gruppe sein wird. Vielen Dank, Herr Vorsitzender."
Ich stelle das Mikrofon aus.
"Vielen Dank der deutschen Delegation", sagt der Vorsitzende, "ich notiere diese Mitteilung also unter Tagesordnungspunkt sieben; gibt es weitere Bemerkungen?", und Matthias raunt mir zu: "Was soll denn das heißen, ich wüßte gar nicht, dass wir etwas geplant, geschweige denn vorbereitet haben."
Ich beuge mich zu Matthias und flüstere, damit der österreichische Kollege der unmittelbar neben Matthias sitzt, mich nicht verstehen kann: "Haben wir auch nicht. Aber heute ist der erste April."
Er nickt erst, fragt dann aber doch.
"Bist du sicher, dass es den in allen Mitgliedstaaten gibt?"
"Nein, aber es gibt den französischen 'poisson d'avril' und den englischen 'April's fool'. Das setze ich somit als allgemein-europäische Kultur voraus."
Er schüttelt den Kopf.
"Du musst wissen, was du machst", sagt er zwar nur, aber ich höre ein eindringliches ‚Lass den Quatsch' aus seinem Ton heraus.
"Nun sei doch nicht so humorlos", versuche ich abzuwiegeln. "Lass mir den Spass."
Er blättert wieder in seinen Unterlagen, streicht mit der Hand eine Seite glatt, dreht mir wieder das Gesicht zu.
"Humor ist in solchen Verhandlungen nicht am Platz. Du bist Sprachrohr der Bundesregierung, und hast dich ausschließlich aufgrund von Weisung zu äußern. Ein Sprachrohr bist du. Nur das!"
Er blättert weiter in seinen Unterlagen, und ich überlege mir, ob ich Lust habe, das Thema zum Streit hochzuschaukeln.
Der Vorsitzende ruft den ersten Tagesordnungspunkt auf.
Matthias stößt sich von der Tischkante in seine Rückenlehne zurück. "Über diesem Thema werde ich noch zum alten Mann."
"Kopf hoch", sage ich, und meine es auch als Friedensangebot, "die Arbeit ist doch getan, dies hier ist doch nur das letzte Aufräumen", und versuche, mir selber Mut zu machen.
"Könnte ich die deutsche Delegation bitten, uns zu sagen, ob sie in der Lage ist, ihren Prüfvorbehalt aufzuheben", wendet sich der Vorsitzende an uns.
Während ich die Hand zum Mikrofon ausstrecke, flüstere ich Matthias zu. "Ich habe keine neue Weisung aus dem Justizministerium. Hast du etwas gehört?"
Er schüttelt den Kopf. "Ich habe gestern noch mit Wrotzek telefoniert. 'Nur über seine Leiche, könnte ich dir ausrichten'."
Ich schaue ihn von der Seite an. "Wäre das eine Möglichkeit?"
Er lacht lautlos, aber seine Schultern beben und als ich wieder nach vorne schaue, starren alle uns an, starren fassunglos die Delegation an, die allein gegen alle steht und darin offensichtlich einen Grund zur Fröhlichkeit zu sehen vermag.
"Eine Scheisse ist das immer", sage ich, eher zu mir als zu Matthias. "Zu Hause in Bonn da sind sie mutig, und wir hier stecken die Schläge ein".
Ich drücke den Mikrofonknopf.
"Herr Vorsitzender, zuerst eine Klarstellung. Es handelt sich nicht um einen Prüfvorbehalt, sondern einen echten, einen inhaltlichen Vorbehalt. Die deutsche Delegation hat die Frage mehrfach geprüft und ist zum Schluß gekommen, die von der Kommission vorgeschlagene Formulierung nicht akzeptieren zu können."
Ich drücke auf den Aus - Knopf und beuge den Kopf zu Matthias.
"Wie stellt sich Wrotzek das vor? Wie soll das weitergehen? Die Kommission gibt nicht nach. Und Deutschland wird man die Blockade vorwerfen."
"Inwiefern kann dich das stören? Du bist doch immer der Auffassung, dass man sich gerne gegen die Kommission stellen darf."
Bevor ich antworten kann, erteilt der Vorsitzende das Wort an den Kommissionsvertreter. Da muß ich zuhören.
Den Vertreter der Kommission in der heutigen Sitzung habe ich noch nie gesehen, aber wie er da vorne ohne Jackett in seinem rosa Hemd mit schmaler einfarbiger Krawatte sitzt, vermute ich, dass er Brite ist. Auch sein Englisch klingt danach.
"Die Kommission, Herr Vorsitzender, hat bereits in den vorhergehenden Sitzungen die Gründe für ihre Haltung dargelegt. Sie sieht sich auch heute und sicherlich auch in der Zukunft nicht in der Lage, Deutschland in dieser Frage weiter entgegen zu kommen. Vielen Dank, Herr Vorsitzender.
"Und jetzt?", frage ich Matthias.
Er zuckt mit den Schultern: "...machen wir einen schönen Sitzungsbericht", ergänzt er meine Frage zum Aussagesatz: "‚Auch die fünddreissigste Sitzung der Arbeitsgruppe brachte nicht den erhofften Durchbruch'. Siehst du da ein Problem?"
Und ob. Ein grosses. Im Beamtenleben geht es kaum grösser. Besoldungsstufe B 9 : Botschafter bei der Europäischen Union. Mein Chef. Kann es gar nicht leiden, wenn Deutschlands Position nicht in die Mehrheit eingebettet ist. Wird zum Choleriker, wenn Deutschland isoliert steht.
Also denke ich mir, "so kann das nicht weitergehen", und gehe an den Tisch der irischen Delegation. Mein Kollege von der irischen Ständigen Vertretung hört mir aufmerksam zu und nickt. Ich sitze kaum wieder, als der Vorsitzende der irischen Delegation das Wort erteilt.
"Was gab es denn mit den Iren zu besprechen?" fragt Matthias.
"Willst du lieber nicht wissen", antworte ich. Und noch, als Matthias mich misstrauisch mustert: "Oder willst du in Berlin die Verantwortung für den irischen Vorschlag übernehmen?"
"Vielen Dank, Herr Vorsitzender, beginnt schon der irische Kollege, "die irische Delegation möchte, um dieses Thema nach den vielen Verhandlungstagen nun endlich zum Abschluss zu bringen, vorschlagen, vor die Stelle ‚in den folgenden Fällen' die Wörter ‚in der Regel' einzufügen. Damit wäre doch die von der deutschen Delegation gewünschte Flexiblität gesichert, ohne dass dabei die von der Kommission angestrebte Normenverbindlichkeit aufgegeben würde."
"So läuft das also hier", murmelt Matthias neben mir.
"Für irgend etwas müssen die Ständigen Vertretungen doch gut sein", sage ich. "Telefonierst du mit Wrotzek?"
Als Matthias zurückkommt, nickt er erleichtert. "Wrotzek ist einverstanden. Er sagt, dass er mit dieser vagen Formulierung alles akzeptieren kann."
"Warum nicht gleich so?", sage ich und denke: "Als ich Wrotzek vor einigen Wochen einen ähnlichen Vorschlag machte, hat er noch etwas von ‚unabdingbarer Präzision der Rechtssprache' gefaselt. Aber als europäischer Kompromiss ...."
Auch der Kommissionsvertreter ist vom Telefonieren zurück
"Die Kommission, Herr Vorsitzender", teilt er uns mit "könnte sich vorstellen, dass der irische Vorschlag einen gangbaren Weg aufzeigt. Jedoch müssen wir uns vor unserer Zustimmung eine Prüfung durch unseren Juristischen Dienst vorbehalten."
Ich äffe mit steifer Oberlippe seine so würdevolle Aussprache von 'The Commission' nach.
"Das war's dann wohl wieder", grummelt Matthias.
Mir doch egal. In der nächsten Morgenbesprechung werde ich stolz verkünden, dass Deutschland zustimmen konnte. Mehr interessiert den Botschafter nicht.
Der Vorsitzende ordnet eine Pause von fünf Minuten an. Als nach zwanzig Minuten alle Delegierten wieder im Sitzungssaal sind, ruft er den nächsten Tagesordnungspunkt auf: Festlegung gemeinsamer Normen für den Polizeifunk.
"Wo ist denn unser Experte vom Bundeskriminalamt?", erkundigt sich Matthias bei mir.
"Ich habe ihm ausrichten lassen, dass er nicht zu kommen braucht", sage ich.
Matthias zieht die Augenbrauen hoch. Als Antwort deute ich auf meinen französischen Kollegen, der soeben mit erhobenem Bleistift um das Wort bittet ... und um Vertagung des Themas bittet. Wir telefonieren regelmässig miteinander.
"Sollte Frankreich etwa die Hoffnung aufgegeben haben, sein System europaweit durchsetzen zu können?", fragt Matthias.
"Frankreich wohl nicht, Philippe schon", antworte ich. "Er hat mir gesagt, dass er keine Lust verspüre, weiterhin mit vorgeschobenen Argumenten die Entwicklung eines europäischen Systems zu verhindern und das französische anzupreisen."
"Obwohl es hier um Riesengeldsummen geht?", wundert sich Matthias "Bei all den Funkgeräten, die sich Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehr neu anschaffen müssten? Das traut er sich?"
"Er hat doch nur um Vertagung gebeten", verteidige ich Philippe. "Mehr nicht. Er hat mir gesagt, dass ihm sein Chef in Paris versprochen habe, das Thema beim Minister anzusprechen."

Die Gruppe verhandelt die nächsten Tagesordnungspunkte, während ich meine Notizen für den Tagesordnungspunkt Nummer sieben durchgehe. Ich bessere einige Formulierungen nach und füge hier und da noch ein Wort ein, als der Vorsitzende die deutsche Delegation um Stellungnahme bittet. Ich schaue Matthias an, der seinen Reisekostenantrag ausfüllt. Er zuckt nur unwissend mit den Schultern. Ich drücke auf den Mikrofonknopf.
"Vielen Dank Herr Vorsitzender. Herr Vorsitzender - ein bißchen muß ich ja überlegen können, sammle Versatzstücke aus Verfahrensphrasen zusammen - die deutsche Delegation, Herr Vorsitzender, - ja, so müßte es gehen - hat ihre Position in dieser Frage noch nicht abschließend festgelegt. Ich verhehle nicht, dass die interne Abstimmung sich schwierig gestaltet. Von den Vorrednern sind wesentliche Fragen aufgeworfen worden, die ausführlich erörtert und die Argumente pro und contra mit der notwendigen politischen Sensibilität gewogen werden müssen. Wir verfügen aufgrund der vorhergehenden Diskussion schon über gewisse Denkansätze, die wir aber noch vertiefen müssen, bevor wir darüber entscheiden können, ob sie maßgeblich für die deutsche Position werden können. Ich kann Ihnen aber zusichern, dass die deutsche Delegation bei der Suche nach ihrer Position ein Gleichgewicht zwischen Effizienz der angestrebten Lösung, Kohärenz des allgemeinen Ansatzes mit anderen Politikfeldern der EU und dem Bewußtsein ihrer besonderen europapolitischen Rolle aktiv anstreben wird. Vielen Dank Herr Vorsitzender." Ich stelle das Mikrofon aus.
Matthias kneift sich die Nasenwurzel, als ob er Kopfschmerzen hätte, aber an seinen roten Ohren erkenne ich, dass er sein Gesicht hinter der Hand zu verstecken sucht.
"Was hat denn das gesollt?", fragt er mich hinter seiner Hand hervor, und ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich für einen Delegierten, der ebenfalls gepennt hat, etwas zu gereizt anhört.
Also gifte ich zurück: "Hättest doch selbst antworten können: ‚Herr Vorsitzender, entschuldigen Sie bitte", ich spiele mit zaghafter Stimme den kleinen Schüler vor dem übermächtigen Lehrer, "ich habe gerade nicht aufgepasst, könnten Sie sie mir bitte erklären, zu was ich Stellung nehmen soll?'" Ich werfe meinen Bleistift auf die Schreibunterlage. "Nein danke, die Blösse wollte ich mir nicht geben. Ich kann wirklich darauf verzichten, für die nächsten Tage das Klatschthema der Kollegen an der Kaffeebar zu werden."
Derweilen sieht der Vorsitzende den Vertreter des Ratssekretariats über die Ränder seiner Lesebrille einige Sekunden an, der weiß keinen Rat, also ordnet er eine weitere Pause von fünfzehn Minuten an. Neben ihnen notiert der Assistent des Ratssekretärs mit tief über den Tisch gebeugtem Kopf in hektischen Schwüngen den Fortgang der Verhandlungen.
"Siehst du", sage ich, während wir aufstehen, "kein Grund zur Aufregung, sowas klappt immer."
Bei der Sitzungsaufnahme ruft der Vorsitzende den letzten Tagesordnungspunkt auf.
"Ich rufe nun also den Tagesordnungspunkt Verschiedenes auf. Die deutsche Delegation wollte uns über ein Vorhaben für ihre kommende Präsidentschaft informieren. Bitte, die deutsche Delegation. Wenn Sie sich kurz fassen könnten."
"Vielen Dank Herr Vorsitzender."
Ich setze mich aufrecht, um mich zur größtmöglichen Konzentration zu zwingen, und ziehe das Mikrofon nahe an mich heran. Es kann losgehen.
"Herr Vorsitzender, die deutsche Delegation stellt mit Sorge fest, dass die polizeiliche Zusammenarbeit in Europa sich in äußerst kleinen Schritten fortentwickelt. Die Verbrecher nutzen die Freizügigkeit in Europa, insbesondere das Wegfallen der Binnengrenzkontrollen im Schengener Raum, um ungestört ihre kriminellen Ziele zu verfolgen. Wir alle wissen, wie viel schwerer es ist, ein kriminalpolizeiliches Ermittlungsverfahren über die Grenzen hinweg zu führen. Daher wird die deutsche Delegation mit Beginn ihrer Präsidentschaft einen Vorschlag zur Schaffung einer - jetzt mit besonderer Betonung und langsam -'Beobachtungsstelle für die Effizienz der europäischen Polizeizusammenarbeit' vorlegen."
Pause. Der Titel braucht Zeit, um zu wirken. Matthias kann seine Beine nicht mehr ruhig halten und vergräbt die Nase in seinen Unterlagen. Dabei bin ich doch erst am Anfang.
"Die Aufgabe dieser Beobachtungsstelle für die Effizienz der europäischen Polizeizusammenarbeit wird darin bestehen, die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten über die Phänomene der grenzüberschreitenden Kriminalität und die von den Mitgliedstaaten verfolgten Bekämpfungsstrategien allgemein und umfassend zu unterrichten und die Effizienz der nationalen Strategien zu evaluieren, um zu einem Wettbewerb der 'best practices' der Mitgliedstaaten beizutragen."
Wieder eine Pause. Noch immer sehe ich unbewegliche, mehr oder weniger aufmerksam lauschende Gesichter im Rund, und Matthias' Gezappel steckt mich nun an. Ich konzentriere mich wieder auf meinen Sprechzettel, inständig hoffend, dass die weiteren Details meines Vorschlags ausreichen, um bei den Kollegen den Groschen über die wahre Natur dieser Initiative fallen zu lassen.
"Als Fernziel der Arbeit der Beobachtungsstelle ist die Entwicklung einer europaweit allgemein akzeptierten Polizeistrategie bei grenzüberschreitenden Deliktsfeldern und modi operandi geplant, die die Basis für die Arbeitsweise einer zukünftigen europäischen Polizei legen könnte. Die Überlegungen der deutschen Delegation sind noch nicht abgeschlossen. Bilaterale Konsultationen mit unseren europäischen Partnern sind geplant, ich kann Ihnen daher noch keinen ausformulierten Text vorlegen, jedoch versichern, dass Ihnen zu Beginn der deutschen Präsidentschaft ein Text zur Verfügung gestellt werden kann. Der Innenminister plant, das Vorhaben auf dem ersten Justiz- und Innenrat der europäischen Presse und Öffentlichkeit vorzustellen und hofft, damit sein Anliegen voranzutreiben, den Aktionsradius der staatlichen Kriminialitätsbekämpfungsorgane dem Einsatzgebiet krimineller Organisationen und Banden, die sich der Errungenschaften des Binnenmarktes bedienen, anzugleichen, da nur so eine Waffengleichheit zwischen Polizisten und Kriminellen erreicht werden kann.
Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender."
Der Vorsitzende dankt den Delegierten für die hervorragende Arbeit und wünscht eine gute Heimreise.
"Du bist verrückt", sagt Matthias und weckt mich aus Brüterei, "ich kann nur für dich hoffen, dass es niemand ernst genommen hat, aber da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher. Keiner hat auch nur gegrinst."
Ich kaue nervös auf der Unterlippe.
Philippe verabschiedet sich von mir und sagt: "Dein Aprilscherz war gelungen, ich wäre vor Schreck beinahe vom Sitz gekippt. Glücklicherweise hat mir mein Kleinster heute morgen schon den Bären aufbinden wollen, 'Pappi, das Auto ist weg'. Denn ganz unwahrscheinlich wäre ein solcher Vorstoß von deutscher Seite ja nicht, Ihr könnt ja hartnäckig sein."
Mit einem "A bientôt" strebt er der Saaltür zu.
Ich kaue noch nervöser auf der Unterlippe. Wenn selbst Philippe beinahe auf meinen Aprilscherz hereinfällt...
Ich werde mit dem Vertreter des Ratssekretariats sprechen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Um zu vermeiden, dass das Generalsekretariat meinen Vorschlag in das offizielle Protokoll aufnimmt. Wenn mein Quatsch Kreise zieht, komme ich in übles Fahrwasser.
"Wo hattest du denn die Idee mit der Beobachtungsstelle her?", fragt Matthias, und da ich mich überzeugen kann, dass dies eine ernsthafte Frage sei, gelingt es mir, mich soweit zu beruhigen, dass ich mich zu einer Antwort in der Lage sehe.
"Das hat keine besondere Kreativität erfordert", und meine Stimme zittert nur am Satzanfang, " war vielleicht sogar zu nahe liegend. Die EU hat doch schon die Beobachtungsstelle Drogen in Lissabon und die Beobachtungsstelle Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Wien geschaffen. Aus deren Aufgabengebieten habe ich mir dieses Geschwafel zusammengebraut."
Ich schiebe meine Unterlagen zusammen und fange an, sie in die Aktentasche zu stopfen, wie sie mir gerade in die Finger kommen, und wenn ein Dokument sich faltet und verknittert, schiebe ich es mit den nächsten noch tiefer in die Tasche.
"Das war doch offensichtliches Geschwafel, oder etwa nicht? Allein dieser Blödsinn von der Waffengleichheit zwischen Polizei und Verbrechern. Es kann doch niemand glauben, dass ich so einen Satz ernst meine. Die Waffengleichheit kann es nie geben, es sei denn, die Polizei will verbrecherische Methoden anwenden."
Matthias schüttelt den Kopf, lacht in sich hinein.
"Natürlich war es Geschwafel, allein schon, weil eine solche Stelle überflüssig wie ein Kropf wäre. Teuer und überflüssig. Aber Geschwafel, mein Freund", und er klopft mir beschwichtigend auf die Schulter, was ich als sehr demütigend empfinde, "für Geschwafel liegt die Toleranzgrenze in dieser Welt sehr und in der EU besonders hoch."
Ich fange John noch am Vorsitztisch ab, auf dem er mit seinem jungen Mitarbeiter die Sitzungsunterlagen zu zwei Stapeln anhäuft.
"Mein Vorschlag von gerade eben", druckse ich herum - wer erklärt schon gerne seine Witze - , "also, ich bin da nicht so sicher, dass alle das so verstanden habe, wie ich das meinte, ich wollte nur sicherstellen, dass .. ."
Er hält mir die letzte Seite seiner Mitschrift vor Augen. Unter Punkt sieben stehen nur ein paar Zeilen, penibel durchgestrichen.
Mit den irischen Kollegen gehe ich noch an die Kaffeebar auf Stockwerk 50, einen Cappucino trinken. Der beste Cappucino von Brüssel, und ich genieße ihn in der festen Gewißheit, dass ich meinen Vorschlag nie gemacht habe. Denn das wissen alle Beamten: Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Für mein weiteres Arbeitsleben aber nehme ich mir vor: Schluß mit lustig.

II.


Es ist nicht Jeans Vorhaben an sich, mit dem ich Schwierigkeiten hätte. Ganz im Gegenteil. Es wird Zeit, dass jemand so etwas oder zumindest Ähnliches in Angriff nimmt. Aber in dem einen Punkt, dachte ich, Jean mache einen Witz.
Nun sitze ich in unserer Stammkneipe mit dem Stapel der ersten Seiten seines Romans, für den er vollmundig die Einstufung als Schlüsselroman einfordert und durchblättere ihn mit spitzen Fingern. "Alle zwanzig Seiten muß ein "attention getter" rein", hatte er gesagt, "ganz akribisch, buchhalterisch, regelmäßig, nur so kann ich die Aufmerksamkeit fesseln für ein Thema, das, seien wir doch realistisch, niemanden interessiert, weil zu weit weg und zu kompliziert."
Dass er keinen Witz machen wollte, beginnt mir zu dämmern, als mir auf Seite 20 - die Zahl prangte oben in der Seitenmitte, er hatte die Seiten bereits numeriert, obwohl es noch der erste, wie er sagte, hingeworfene grobe Entwurf war, und insoweit hatte er sich nicht in falscher Bescheidenheit geübt, das hatten mich schon die ersten Zeilen ahnen lassen - die erste Kostprobe von dem, was er als "attention getter" bezeichnet, unvermittelt und ohne besondere Vorankündigung in die Augen springt.
Ich sehe nicht hoch, spüre aber seine Blicke auf meinem Gesicht, von dem er meine Meinung ablesen will. ‚Alle zwanzig Seiten', hatte er gesagt.
Ich überblättere bis zu Seite 38, lese quer zwei Seiten weiter, hoffe, mich geirrt zu haben. Nein, hier wieder. Also zu Seite 60. Meine Finger haben kaum die Seiten aufgebogen, als das dritte Beispiel meine Befürchtung bestätigt.
Jean hat mich immer noch fest im Blick.
"Würdest du mich bitte nicht so anglotzen? Pornos lese ich vorzugsweise unbeobachtet."
Die erwartungsvolle Konzentration seines Gesichts schlägt in Lächeln um.
"Du findest es gut? Ich meine, du spürst etwas in deinem Bauch, wenn du es liest? Ich schreibe normalerweise solches Zeug nicht, da fühle ich mich unsicher."
"Nein, nein, das wirkt routiniert, du hast dir offensichtlich viel Arbeit gemacht, alle Sexstellen aller Flughafenromane der letzten zehn Jahre in deinen Computer eingegeben und dir von einem Programm neue Konstellationen mischen lassen."
Irgendjemand mußte hinter seinen Augen ein Licht ausgemacht haben, sein Gesicht wird grau. Wir werden alle nicht jünger, aber er hatte in den letzten Jahren mächtig Falten um die Augen entwickelt. Raucht, trinkt, schläft nicht. Das zehrt. Scheint aber Berufskrankheit zu sein.
"Jetzt laß nicht gleich den Kopf hängen. Du kannst nicht ernsthaft glauben, dass irgend jemand sich für Europapolitik zu interessieren beginnt, weil du alle zwanzig Seiten eine schmuddelige Geschichte einbaust. Ich habe nichts gegen Sex in Büchern, aber er muß doch in Bezug zum Erzählten stehen. Liebes- oder Sexszenen müssen notwendig sein, ohne den Sex müßte irgendetwas fehlen im Ablauf der Geschichte oder im Umfeld der Personen."
Ich schiebe ihm sein Machwerk über den Tisch zu, halte die aufgeschlagene Seite mit beiden Händen offen, blättere dann eine Seite zurück. "Schau hier auf der vorhergehenden Seite. Ich habe sie nicht gelesen. Du hast gesehen, dass ich unmittelbar zur Seite 60 geblättert habe. Selbst mit der Schrift auf dem Kopf - ich deute mit dem Zeigefinger auf einzelne Wörter - erkenne ich Wörter wie Europäischer Rat, Geschäftsordnung, Kommissionsaufbau und - ich drehe den Kopf - was ist das, ah, das ist ein gutes Beispiel - ich spreche betont langsam, lese Buchstaben für Buchstaben - f i n a n z i e l l e V o r a u s s c h a u. Und drei Absätze später liegt er mit dieser Praktikantin in der Falle. Das ist, gelinde gesprochen, nicht sehr homogen als Geschichte."
Ich ziehe die Hände zurück, lehne mich zurück und falle beinahe von der Bank, die keine Rückenlehne hat. Wenigstens heitert es Jean auf.
"Ich habe nicht gesagt, dass du das Buch nicht schreiben sollst. Aber du kannst nicht deine über die letzten Jahre verfaßten Artikel zusammenkopieren, dazwischen ein paar Protagonisten mit schwacher Story unter fadenscheinigen Gründen miteinander rammeln lassen, das Ganze binden und als Roman verkaufen. So einfach kann es nicht sein, sonst würde ja jeder Romane schreiben."
Ich rüttle ihn heftig an der Schulter.
Als er mich endlich anblickt, sieht er sehr müde aus. Seinen Job möchte ich haben, wenn er sich nach zwanzig Jahren noch so eine niedrige Frustrationsgrenze leisten kann.
"Ich bin politischer Journalist", murmelt Jean und ich habe Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. ‚Nicht nur, weil ich über politische Themen schreibe. Ich will politisch wirken. Über meine
Zeitung kann ich das nicht. Du weißt, wo ich mein Problem mit Europa habe. Sag du mir, wie ich dafür ein Publikum finde!"
Ich schüttle den Kopf: "Woher weißt du, dass es für deine Themen irgendwo irgendeine Art Publikum gibt?" und proste ihm mit meinem Guiness zu, um die Brutalität meiner Aussage zu mindern. Er nimmt sein Glas und einen großen Schluck und brummt, als er sich den Schaum von den Lippen wischt: "Also muss ich mir eine richtige Geschichte einfallen lassen. Aber du wirst sehen: ich habe etwas zu erzählen."
Auch ich erhebe mein Glas und will ihm zuprosten, halte aber in der Bewegung so abrupt inne, dass Bier über den Glasrand schwappt.
"Ich hätte vielleicht eine Idee für dich", sage ich, während er mit einer Serviette die braunen Flecken von der schweren Tischplatte aufnimmt und mich erst kopfschüttelnd, dann misstrauisch beäugt.
"Du könntest", wage ich, obwohl mir sein Gesichtsausdruck wahrlich keinen Mut macht, ihm meine Idee zu unterbreiten, , "doch einfach anhand eines absurden Beispiels zeigen, wie die Verwaltungsmaschine hier funktioniert, wie Entscheidungen, wie du mir doch immer erklärst, irrational getroffen werden, weil in Brüssel politischer Druck erzeugt wird, die sinnlosesten Vorhaben durchzusetzen, wenn sie aus welchem Grund auch immer das Etikett "europapolitisch bedeutsam" erhalten haben und jede Opposition dazu als nationalistisch verunglimpft wird."
Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, aber wenigstens unterbricht er mich nicht.
"Lass dir etwas einfallen", fahre ich fort, will aber noch nicht sogleich die Katze aus dem Sack lassen, "du hast doch in deiner langen Karriere schon einiges hier gesehen, Brücken zu Strassen, die nie gebaut werden, Staudämme, die ökologische Katastrophen hervorrufen, Entwicklungshilfegelder, die nie in der Bestimmungsregion ankommen..."
"Das sind doch kleine Fische", winkt Jean müde ab. "Das interessiert vielleicht in einem kurzen Artikel in meiner Zeitung, trägt aber keine Erzählung. So eine Idee", Jean hebt die durchfeuchteten Papierfetzen hoch und lässt sie in den Aschenbecher fallen, "ist doch kein Tropfen Bier wert".
Ich wiege zweifelnd den Kopf und muss dabei aber so zufrieden aussehen, dass Jean wieder den Kopf zur Seite legt und mich von unten mit diesen kleinen Augen anschaut.
"Du hast doch schon was Konkretes im Kopf", sagt er dann und ich nicke. Ein bisschen wollte ich mich doch bitten lassen.
"Stell dir einfach vor: ein Delegierter will sich einen kleinen Aprilscherz erlauben und lanciert irgendeinen verrückten Vorschlag...", aber da sich Jeans Stirn in tiefe Falten legt, unterbreche ich mich, "ich weiss ja auch nicht, irgendeinen verrückten Vorschlag eben, da musst du dir halt was einfallen lassen, ein EU-Finanzierungsprogramm zur Förderung des Volkstanzes vielleicht..."
Jetzt ist es Jean, der beinahe von der Bank kippt, als er sich beim Lachen verschluckt und heftig zu Husten beginnt.
Ich warte, bis er wieder etwas zu Atem gekommen ist.
"Jean," sage ich und als er merkt, dass ich ihn nicht nur aufheitern wollte, unterdrückt er sein Husten und setzt er sich wieder gerade hin, um mir zuzuhören. Nur gelegentlich räuspert er noch in meine Erklärung.
"Das mit dem Volkstanz war nur ein Beispiel, das mir auf die Schnelle eingefallen ist. Das Entscheidende ist jedoch," und hier klopfe ich mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte, um meinen Aussage zu betonen, "dass der Vorschlag auf einem Aprilscherz beruht." Jetzt hört mir Jean wirklich zu.
"Den Vorschlag hätte es also nie geben dürfen. Trotzdem wird er in die Maschine eingespeist, das übliche Verfahren wird durchgespielt, und am Ende ist ein neues europäisches Gesetz geboren - oder eben ein Finanzprogramm, mit dem Volkstanzgruppen finanziell unterstützt werden, um zu beweisen, dass Europa die nationale und regionale Vielfalt nicht nur respektiert, sondern sogar fördert."
Jetzt ist es Jean, der zweifelnd den Kopf wiegt: "Und du meinst, das System würde nicht merken, dass es einem Scherz auf den Leim gegangen ist?"
"Möglich wäre das", sage ich. "Es käme natürlich auf die nähere Ausgestaltung der Geschichte an."
Jean ist nicht überzeugt, auch nicht, als ich noch einmal bestätige: "Möglich wäre es."
Jean schüttelt den Kopf. "Nein", sagt er, "das scheint mir wirklich zu phantasievoll. Du weißt, ich halte wirklich nicht viel von den europäischen Institutionen" - ich beeile mich, heftig zu nicken - "aber dass das System nicht in der Lage sein soll, einen Scherz von einem echten Vorschlag zu unterscheiden.." Er lässt seinen Satz unvollendet.
"Aber Jean", versuche ich noch einmal mein Glück, "und wenn der Vorschlag plausibel ist?"
"Trotzdem nicht!", sagt Jean, und ich glaube, er möchte allmählich nach Hause, und tatsächlich hält er die Hand vor den Mund, um ein Gähnen zu unterdrücken. "Das System ist vieles; dumm ist es nicht. Wenn es nicht mehr Aprilscherze von echten Initiativen der Kommission oder der Staats- und Regierungschefs unterscheiden könnte, dann wären in der EU ja wirklich die absurdesten Entscheidungen möglich."
Ich sehe ihn nur an und er muss selber über seine letzte Bemerkung lachen. "Aber nicht in dem Maße", schüttelt er den Kopf, "nein, so schlimm ist es wirklich nicht. Das ist zu unwahrscheinlich."
Jean schiebt sein Bierglas in die Mitte des Tisches und schwingt die Beine über die Bank nach aussen. "War ja nur so eine Idee", sage ich. "Ist mir halt so spontan eingefallen."


III.

Für heute abend besitze ich eine Einladungskarte zu einem Empfang im nordrhein-westfälischen Verbindungsbüro; im allgemeinen Brüsseler Sprachgebrauch für uns Bundesbeamte 'Verbindungsbüro', 'Vertretung' für die Länderbeamten. Der Bund vertritt die Auffassung, dass er allein berechtigt sei, Deutschland diplomatisch zu vertreten. Die Länder seien auf EU- Ebene Lobbyisten ihrer Interessen, vergleichbar dem Verband Lederwarenindustrie oder dem Deutschen Industrie - und Handelstag. Die Länder pochen auf ihr Status als Staaten im völkerrechtlichen Sinne, denen das Grundgesetz das Recht einräume, ihre Interessen international wahr zu nehmen.
Als kleiner Beamter halte ich mich aus dem Streit heraus. Wenn Elefanten streiten, leidet das Gras. In der Ständigen Vertretung rede ich von Verbindungsbüros, wenn ich in einem Verbindungsbüro zu Gast bin, das Vertretung sein will, ist es für mich eine Vertretung. Man beißt nicht die Hand, die die Kanapees reicht.
Nordrhein-Westfallen lädt zur Vernissage eines Malers aus Meschede ein: ‚Sauerlandimpressionen.' Mit solchen Veranstaltungen schlagen die Verbindungsbüros zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie fördern regionale Künstler, die ihnen einen kulturellen Hintergrund für ihre Lobbyarbeit bieten.
Das Verbindungsbüro streut die Einladungen weit in alle Institutionen und Mitgliedstaaten. Anwesend sind ausschließlich Deutsche. Die Bedeutung der deutschen Länder und ihrer Verbindungsbüros erfassen offensichtlich nur Landsleute.
Mein Kühlschrank und Magen sind leer, die Einladungskarte soll nicht umsonst an mich verschickt sein.
Die Garderobenständer sind bereits schwer behangen, als ich im allgemeinen Andrang meinen Mantel abgeben will. Um mich schwirren französische Rudimentärvokabeln, merci, bon soir, s'il vous plaît, oui, während deutsche Besucher eines deutschen Verbindungsbüros dem heranwachsenden Nachwuchs deutscher Landesbeamter, die sich heute abend ein Taschengeld verdienen, ihre Kleidungsstücke über die Garderobentische zureichen. Wir sind in Brüssel. Niemand will als ignoranter, monolingualer, deutschfixierter Ewiggestriger in Erscheinung treten. Meinen Mantel nimmt mir eine Brünette mit Sommersprossen auf Nasenrücken und Jochbeinen ab, eindeutig die Älteste in der Gruppe, eher Studentin als Schülerin, der Ausdruck ‚Mädchen' würde offensichtliche anatomische Tatsachen ungalant ignorieren. Als sie ihn aufhängt, bewundere ich ihre Figur in schwarzen Röhrenjeans und schelte mich einen geilen Sack mit Hang zu zu jungen Frauen. Es ist nicht das Alter, das mich reizt, eher die Vorstellung, dass diese Frauen einen Kopf und Körper besitzen, der nicht alles der Karriere untergeordnet hat. Eine Beziehung mit einer Frau, die morgens kauend aus dem Haus hetzt, um einen schönen Tag, der nicht wiederkommt, in einem Büro zu verbringen, und abends erschöpft ins Sofa sinkt, ist für mich ohne Reiz. Anziehung entsteht aus Gegensätzen.
Sie reicht mir das Ticket mit einem Lächeln, das auf dem ganzen Gesicht liegt und insbesondere aus den Augen strahlt. Vielleicht ist sie doch nicht so alt, wie ich dachte, sonst hätte sie schon die Erfahrung gemacht, dass Männer darin Anlaß für Anmache sehen, weil sie ihre Attraktivität an der ‚süßen Kleinen mit dem einladenden Lächeln' beweisen müssen. Ich hasse diese Männer. Sie bringen mich um Momente wie diesen. Nächstes Jahr wird sie mir das Garderobenticket mit schmalen Lippen überreichen und meinen Augen ausweichen.
"Danke schön."
"Bitte sehr."
Eine mittelalterliche Dame im langen Rock reicht ihr Pelzjäckchen und Chanelhandtäschchen "S'il fous phlaît" und klemmt mich an einem Pfosten ein. Ich habe es nicht eilig. Die Sommersprossige sagt: "Hier ihr Ticket." Ich folge der Dame in den Saal. Ihr Begleiter wartet an der Tür. "Ernst, nimm mir das Ticket ab, ich habe keine Tasche."
Der Saal ist bereits zur Hälfte gefüllt. Mit schnellem Blick in die Runde versuche ich vergebens, ein bekanntes Gesicht unter den Gästen zu erspähen. In der Ecke, meinen Blicken von einer Menschentraube entzogen, dürfte das Buffet aufgebaut sein. Ich will nicht die im trauten Kauen und Gespräch befindlichen Personengrüppchen in Schlangenlinien umkurven und wähle den Umweg die Saalwände entlang, an denen der Künstler seine Aquarelle und Landschaften in Öl interessierten Rücken vorstellt, deren Vorderseiten sich Biergläsern, Häppchen Lachs in Blätterteig und Wachteleiern auf Hefeteig widmen - und natürlich und selbstverständlich in erster Linie 'Gute Gespräche führen.'
Mein Magen fordert sein Recht, aber ich scheitere an der tief gestaffelten Abwehr vor dem Buffet. Lieber in Stolz hungern, als mich mit Ellbogeneinsatz zu den Häppchen vorzukämpfen. Ein Kellner präsentiert mir sein Tablett mit Getränken. Ich werde eine Mindestkalorienzufuhr erst einmal mit Orangensaft sicherstellen.
‚Endlich ein Mann, der keinen Alkohol trinkt. Das gefällt mir."
Fast so groß wie ich, kastanienbraune Haare, die ihr so voll auf den Rücken fallen, dass sie den Kopf in den Nacken ziehen müßten, grüne Augen, Kußmund, hinter dessen Lippen weiße Zähne blitzen. Ich bin so verdutzt, dass ich gar nichts sage, nicht die geringste Bewegung mache. Das vermittelt sicherlich ein Bild von Souveränität. Offensichtlich kann es mich nicht überraschen, wenn schöne unbekannte Frauen mich unvermittelt ansprechen. Vielleicht aber sollte ich endlich den Mund zumachen.
"Mit dem Buffet hatten Sie kein Glück, wie ich beobachten konnte."
Sie legt den Kopf auf die Seite und streicht die glatten Haare hinter das Ohr.
Einen Satz. Ich brauche einen Satz. Für diese Situationen habe ich keine Sammlung an Standardphrasen bereit.
"In den Ratsarbeitsgruppen reden Sie mehr."
Ein Hinweis. Ich weiß aber nicht, woher ich sie kennen sollte. Vielleicht eine Dolmetscherin? Hinter den spiegelnden Glasscheiben kann man häufig die Gesichter nicht erkennen.
"Helfen Sie mir doch auf die Sprünge, ich kann Sie offenbar nicht einordnen. Wir haben uns schon im Ratsgebäude gesehen?"
"Im großen Sitzungssaal auf 50, dem Saal auf der Seite der Kaffeebar. Ich glaube es ist der 50.1."
Es dämmert mir etwas. Der Raum ist groß wie vier Basketballfelder und letzte Woche saß in einer Sitzung der Arbeitsgruppe Drogen eine Frau in den Stuhlreihen hinter dem Sitzungstisch der Kommission, die ich mir gerne genauer betrachtet hätte. Nach der Sitzung hatte mich aber der Vorsitzende noch aufgehalten und damit war sie aus der Saaltür, bevor ich mich unter Vorspiegelung von bilateralem Besprechungsbedarf dem Kommissionstisch nähern konnte. Ich lag in der Sitzung, wie schon so häufig, im Clinch mit dem Kommissionsvertreter, und habe in der Tat eine überdurchschnittliche Zahl an Redebeiträgen geleistet.
"Wenn Sie für die Kommission arbeiten, ist es für Sie dann nicht gefährlich, sich mit mir zu unterhalten? Arbeitskollegen könnten sie mit mir zusammen sehen. Ich gehe davon aus, Sie wissen, dass mein Ruf bei der Kommission nicht der Beste ist."
Sie wirft beim Lachen den Kopf in den Nacken.
"Jetzt untertreiben Sie aber schamlos. Sie haben einen absolut miesen Ruf bei der Kommission. Wenn die Kommission die Mafia wäre, lägen Sie schon längst mit gebrochenen Beinen im Krankenhaus."
Ich empfinde plötzlich das unbändige Verlangen, den Oberschenkel meines Standbeins zu massieren.
"Was haben Sie eigentlich gegen die Kommission?" fragt sie.
"Die Frage gilt auch anders herum. Was hat die Kommission gegen mich?"
"Sie sind doch grundsätzlich gegen jeden Vorschlag der Kommission. Sie wollen immer, dass die Kompetenzen bei den Mitgliedstaaten bleiben."
"Ist das nicht meine Rolle? Ich bin Vertreter eines Mitgliedstaats im Rat. Ich werde doch nicht die Interessen der Kommission vertreten."
Ich nippe an meinem Orangensaft und blicke ihr über den Glasrand in die Augen, zähle bis drei und halte noch ein bißchen länger aus, bevor ich wieder wegblicke. Sie hat meinem Blick ohne Wimpernzucken Stand gehalten. Die Frau weiß, was sie will. Ich weiß noch nicht, was sie von mir will, habe aber das Gefühl, dass ich es heute abend noch heraus finden werde.
"Sie haben also schon gehört, dass ich Euroskeptiker sein soll. Wenn es die Kommission ist, die das sagt, ist das in Ordnung, damit kann ich leben. Die Kommission erklärt jeden zum Euroskeptiker, der die Auffassung vertritt, dass nicht alle Entscheidungen in Brüssel gefällt werden müssen. Wenn die Kommission mich zum Ehreneuropäer erklären würde, hätte ich eher ein Problem. Das würde heißen, ich mache meinen Job als deutscher Interessenvertreter nicht richtig."
Hinter ihrem Rücken bemerke ich Legationsrat Kröger, mein Büronachbar in der Ständigen Vertretung, der mich angrinst, mir mit dem Bierglas in der rechten Hand zuprostet. Dann hebt er die linke Hand mit anerkennend herausgerecktem Daumen. Idiot. Wir sind doch nicht auf dem Schulhof.
"Ich kann Ihnen auch gleich ein schönes Beispiel dafür liefern,", verliere ich dennoch nicht den Faden, "warum ich der Auffassung bin, dass nicht alles europäisch geregelt werden muss. Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, warum die sieben Stockwerke des Ratsbegäudes nicht mit 1 bis 7, sondern mit 10, 20, 35, 50, 70 und 80 numeriert sind?"
Sie legt den Kopf zur Seite und lächelt mich an. Also gebe ich die Antwort gleich selbst.
"Es soll damit zusammenhängen, dass das Ratsgebäude aus drei an einem Hang liegenden Würfeln zusammengesetzt ist, so dass sich in den einzelnen Gebeäuden verschiedene Ebenen ergeben. Verstanden habe ich es aber nicht. Ich muss auch nicht alles verstehen. Aber bei solchen Nichtigkeiten beschleicht mich immer das ungute Gefühl, dass in der EU die einfachsten Dinge unglaublich kompliziert werden. Und das kann man den Bürgern nicht zumuten."
Sie lächelt immer noch, aber ich habe den Eindruck, sie will sich mit mir nicht über EU und bürgernahe Verwaltung unterhalten.
"Sie arbeiten also für die Kommission", versuche ich den Schwenk zu einem persönlichen Thema. "Sind Sie nationale Expertin bei der Kommission oder eine ‚echte' Eurokratin?"
"Weder noch. Ich bin Stagiairin bei der DG eleven."
Wunderbar. Einfach wunderbar. Wenn ich etwas zu schreiben dabei hätte, würde ich dieses Beispiel Eurospeak sofort notieren: Stagiairin, deutsche Weiblichkeitsform von stagiaire, ehedem Praktikant, aber durch das französische Wort verdrängt. DG als Abkürzung für, französisch, Direction générale, aber die Zahl auf englisch. Für sie aber nicke ich bedächtig, um zu zeigen, wie wichtig diese Information für mich ist.
"Was machen Sie also bei der Drogengruppe? Die GD XI hat meines Wissens mit Drogenpolitik nichts zu schaffen." Weiß der Teufel was die GD XI macht, aber mit denen habe ich nie etwas zu tun. Also kann das nicht ihr Aufgabenbereich sein.
"Dort kann man mir keine Arbeit geben. Die Kommission stellt doch immer viel zu viele Stagiaires ein, die sich entsprechend langweilen. Deshalb gibt es immer so viele Stagiairefeiern. Mit irgend etwas muß man sich doch beschäftigen."
In der Tat habe ich davon läuten hören, war aber selbst noch nie auf einer. Bin ja kein Stagiaire. Viele Beamte gehen dort auf Suche nach Sexualpartnern. Für manche Praktikantin ist in ihrer Naivität ein gestandener Hauptverwaltungsrat ein mächtiger und damit Erotik ausstrahlender Mann. Aber das ist wie mit dem Buffet. Irgendwie muß es ja auch noch Stolz im Leben geben.
"Ich kann mir also interessante Sitzungen aussuchen und dort als Zuhörerin sitzen. Die Innenthemen klingen spannender als Normierungsausschüsse für Berufsschutzkleidung. Um nur ein Beispiel für alternativ prickelnde Themen zu nennen, zu denen ich Zugang hätte."
Ich will weg von diesen Eurothemen, weiß aber nicht wie. Am liebsten will ich auch weg von diesem Empfang, aber mit ihr. Wie ich das machen soll, weiß ich noch weniger.
Ich blicke in mein fast leeres Orangensaftglas, lasse den kleinen Rest kreisen, bevor ich ihn auf einen Schluck herunterstürze.
"Jetzt habe ich nicht einmal mehr etwas zu trinken und mein Hunger wird immer größer. Sollen wir versuchen, uns an das Buffet vorzudrängen?"
Sie schürzt die Oberlippe. Ich weiß nicht einmal, wie sie heißt. Ich weiß nur, dass ich anfange, ein Problem zu bekommen, wenn ich nicht aufhöre, ihr ständig auf den Mund zu starren.
"Ich könnte etwas richtiges zu essen gebrauchen", sagt sie. "Wollen wir nicht irgendwo eine Kleinigkeit essen gehen?"
Ich stimme ein stummes dreifaches Hoch auf die Emanzipation an. Neben Hunger spüre ich meinen Magen aus einem weiteren, immer übermächtigeren Grund.
"Ich kenne eine nette Jugendstilbar beim Sablonplatz mit kleiner Essenskarte. Eher Snacks als ein richtiges Essen. Wäre das O.K.?" schlage ich vor.
Sie dreht sich wortlos um und geht mir voraus. So wie sie die Hände in die Hosentasche schiebt, kann ich feste Pobacken bewundern, die sich in ihrem beigen Hosenanzug durchdrücken.
Auf der Straße schlage ich vor, am Schuman-Platz, gleich beim Ratsgebäude, ein Taxi zu nehmen.
Sie zieht einen Schlüssel aus der Tasche.
"Ich habe mein Auto hier, wir können gleich damit fahren."
Wir gehen die Straße den geparkten Autos entlang hinunter. Ich versuche zu erraten, welches ihr Wagen sein könnte, als sie auf ein an der Straßenecke geparktes, rotes MG-Cabriolet zusteuert. Sie schliesst die Tür auf und weist mich mit Kinnstreckung zur Beifahrertür. Ich bin gleich aus zwei Gründen platt vor Erstaunen.
"Sie kommen daher?", frage ich, während meine Hand auf ihr Nummernschild deutet.
"Hört man das nicht?", antwortet sie, während sie sich in den Sitz schiebt. "Da bin ich aber froh. Ich finde, Kurpfälzisch klingt wie Deutsch gekotzt. Bei Ihnen habe ich sofort gehört, dass sie aus der Gegend stammen."
"Diplomat wollen Sie aber nicht werden?", fällt mir nur ein zu fragen.
"Weiss noch nicht. Vielleicht bewerbe ich mich nach dem Examen beim Auswärtigen Amt. Wieso fragen Sie?"
"Nur so." Ich täusche vor, vollauf beschäftigt zu sein, mich unter das niedrige Dach zu falten.
"Edel", sage ich, als ich die Tür zuziehe‚ "was verdient man denn so als Praktikant bei der Kommission?"
"Sponsored by Daddy", nuschelt sie gegen das Lenkrad, während sie in Richtung Zentrum steuert.
Bevor wir vor der Bar aussteigen, legt sie mir die Hand auf den Oberschenkel und die Schmetterlinge in meinem Bauch setzen zu ihrem Rundflug an.
"Müssen wir uns eigentlich siezen? Das bin ich nicht gewohnt. Ich bewege mich normaler weise nicht in Diplomatenkreisen."
"Erstens bin ich kein Diplomat, und zweitens sehr gerne", gelingt mir, ohne zu stottern und prima vista fehlerfrei zu antworten und ich bin erleichtert darüber. Das könnte funktionieren heute: die Rechnung kommt, ich lege das Geld hin und sage beiläufig, unschuldig, als sei es die selbstverständliche Folge unseres netten Abends: "Kommst du noch mit zu mir?".
Während des Essens unterhalten wir uns über Heidelberg. Das hilft mir, mich etwas vertrauter mir ihr zu fühlen, als ob wir uns schon seit geraumer Zeit kennen würden.
Ihr Vater, erzählt sie, ist Wirtschaftsprüfer mit Kanzlei in der Altstadt, der Name sagt mir sogar vage etwas, ich glaube mich zu erinnern, dass er einen Kurs Bilanzlesen als Wahlkurs an der Jurafakultät anbietet. Wahrscheinlich bezahlt er seiner Tochter so ein Auto aus der Portokasse.
Da sie einige Jahre nach mir mit dem Jurastudium begonnen hat, sind wir uns nie über den Weg gelaufen. Ich war in der Examensvorbereitung, als sie sich immatrikulierte.
Ihre Klausuren für das Assessorexamen hat sie zu einem Großteil bereits geschrieben und will mit dem Praktikum bei der Kommission noch etwas ihren Lebenslauf aufpeppen. Ihr Vater und der Generaldirektor der GD XI sind Studienkollegen.
"Damit war es kein Problem, einen Praktikumsplatz zu ergattern."
Ich verzichte auf weitere Kaubewegungen, schlinge den verbleibenden grossen Brocken herunter und wische mit der Serviette verstohlen, aber rasch einen Krümel aus dem Mundwinkel. Mein Einsatz:
"Ich bin aber sicher, du hättest auch ohne Beziehungen einen Platz erhalten."
Sie legt den Kopf zur Seite und zieht die Augenbrauen hoch. Hier kann ich mein Expertenwissen verwerten.
"Hast du schon einmal in den Spiegel geschaut?"
"Das kommt gelegentlich vor", ist die Antwort und sie quittiert mein Kompliment mit einem Lächeln.
"Es sind natürlich ausschliesslich objektive Kriterien entscheidend bei der Vergabe von Praktikumsplätzen. Sagt jedenfalls die Kommission. Zwar kennt niemand diese Kriterien, aber die Kommission versichert, sie seien sehr objektiv. Dabei ist es jedoch ein offenes Geheimnis, dass der für die Auswahl der Praktikanten zuständige Beamte in der Kommission unter den Kandidatinnen ausschließlich nach Aussehen aussucht. Er hat ein Faible für schöne Frauen mit langen Haaren." Wieder dieses Lächeln, und ich frage mich, wie häufig sie schon gehört hat, dass sie schön ist.
Als die Rechnung kommt und ich das Geld hinlegen will, sagt sie, während ihr Zeigefinger meinen Handrücken streicht, beiläufig, unschuldig, als sei es die selbstverständliche Folge unseres netten Abends: "Kommst Du noch mit zu mir?"

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